Von der Wiege bis zur Bahre
Donnerstag, 17. Mai 2012
Abwechslung gibt dem Leben oft die Würze und schützt vor dem Einrosten. So gesehen war es gut, einmal statt des gewohnten Seniorenkreises im Blindenverein das Treffen der betagteren Mitglieder meiner Kirchengemeinde zu besuchen. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mich an dieser Stelle über die langweilige Gestaltung eines Gottesdienstes beklagt, der mehr Dienst nach Vorschrift denn engagierte Glaubensvermittlung war. Dass es auch anders geht, bewies dieser Nachmittag. Treffen älterer Menschen sollen meistens auch dem Training ihrer geistigen Fähigkeiten dienen. Was dabei an Übungen angewendet wird, wirkt oft wie ein in die Jahre gekommener Kindergarten. Hier war das anders. »Lieder aus verschiedenen Lebensstufen« war das Thema und jeder konnte etwas dazu beitragen. Kinderlieder, Lieder aus der Konfirmandenzeit, Hochzeitslieder und zum Schluss Lieder zur Beerdigung. Das Spektrum reichte tatsächlich von der Wiege bis zur Bahre. Wir sangen mit Inbrunst und dabei auch schön. Es klang gut in meinen Ohren. Dazu konnten wir erzählen, was uns aus der jeweiligen Zeit in Erinnerung geblieben ist. Wie es so ist, wenn Menschen zusammenkommen, die alle ihren achtzigsten Geburtstag bereits hinter sich haben, drehten sich viele Geschichten um Krieg, Flucht, Vertreibung und Hunger. Das Elend, das wir in Kindheit und Jugend erleben mussten, ist unvergesslich. Das ist auch gut so, denn vor dem dunklen Hintergrund unserer Geschichte erkennen wir besser, in was für einer reichen und wunderbaren Zeit wir doch leben, bei allen Schwierigkeiten und Bedrohungen, die diese Welt für uns bereit halten mag. Im Gedenken an die Verzweiflung und den Jammer früher Jahrzehnte kommt uns das Glück der Gegenwart zu Bewusstsein. Wenigstens in diesem Augenblick waren wohl die meisten im Raum gelassen und zufrieden.
Geschrieben von Die Blindgängerin
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11:21
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Nachrichtenübermittlung
Sonntag, 13. Mai 2012
Eine der spannendsten Ausflüge während der Bibelfreizeit des Christlichen Blindendienstes in Wernigerode führte nach Neuwegersleben im Landkreis Börde. Hier befindet sich eines der interessantesten technischen Denkmale in Deutschland, vielleicht auch eines der unbekanntesten: Die optische Telegrafenstation. Sie ist die letzte original erhaltene und restaurierte ihrer Art.
Vor dem Hintergrund der außenpolitischen und militärischen Situation Anfang des 19. Jahrhunderts musste Preußen eine stabile und schnelle nachrichtentechnische Verbindung vom preußischen Kernland in die sich seit 1815 im preußischen Besitz befindlichen Rheinprovinzen schaffen. Das Ergebnis war der Preußische optische Telegraf, ein zwischen den Jahren 1832 und 1849 bestehendes telegrafisches Kommunikationssystem zwischen Berlin und Koblenz, das behördliche und militärische Nachrichten mittels optischer Signale über eine Distanz von fast 550 Kilometern übermitteln konnte. Die Telegrafenlinie bestand aus 62 Telegrafenstationen, die mit Signalmasten ausgestattet waren, an denen jeweils sechs mit Seilzügen zu bedienende Telegrafenarme angebracht waren. Die Stationen waren mit Fernrohren ausgerüstet, mit denen Telegrafisten speziell codierte Informationen von einer signalisierenden Station ablasen und sie unmittelbar an die jeweils folgende weitergaben. Drei telegrafische Expeditionen (Versandabteilungen) in Berlin, Köln und Koblenz ermöglichten die Aufnahme, Chiffrierung, Dechiffrierung und Ausgabe von Staatsdepeschen. Eine Nachricht mit 30 Worten wurde von Berlin nach Koblenz in nur 1,5 Stunden übermittelt.
Die Anlage wurde durch die Einführung der elektrischen Telegrafie überflüssig. Auch wenn keinerlei Nachrichten mehr auf optischem Wege telegrafiert werden, so kommt das Prinzip noch beim Winkeralphabet und in stark vereinfachter Form bei Eisenbahnsignalen zur Anwendung.
Eine Besichtigung der Anlage in Neuwegersleben erlaubt einen lebendigen Blick in einen nahezu unbekannten Teil der Kommunikationsgeschichte.
Am Nachmittag des gleichen Tages besuchten wir das Geopark Informationszentrum in Königslutter, in dem die Erdgeschichte des Braunschweiger Landes in allgemein verständlicher Form dargestellt wird. Am interessantesten fand ich die ausgestellten Fossilienfunde. Hier konnten wir auch praktisch tätig werden und uns sozusagen unsere eigene Fossilie mittels einer Form gießen. So konnte ich am Ende die Versteinerung einer Seelilie mit nach Hause nehmen.
Nach so viel Wissenschaft und Technik besichtigten wir am nächsten Tag mit der Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode wieder ein monumentales Sakralgebäude. Es ist eines der bedeutendsten ottonischen Architekturdenkmale in Deutschland. Die Kirche, die erstmals im Jahr 961 erwähnt wurde, befindet sich aufgrund der Restaurierungen im 19. Jahrhundert heute weitgehend wieder im Zustand des 10. Jahrhunderts; lediglich die westliche Apsis wurde um 1130 ergänzt. Sie war die Stiftskirche des vom Markgrafen der sächsischen Ostmark, Gero, gegründeten Frauenstifts Gernrode, dem bis zur Auflösung im Jahre 1616 Äbtissinnen aus den adeligen Familien der Region vorstanden. Die Kirche wurde 1521, als sich die Äbtissin Elisabeth von Weida der Reformation anschloss und ihr Stift säkularisiert wurde, protestantisch und war damit eine der ersten protestantischen Kirchen weltweit. Seit der Restaurierung nutzt sie die evangelische Kirchengemeinde Gernrode als Pfarrkirche.
Von der reichen Ausstattung des ottonischen Baus haben sich nur wenige Reste erhalten, da diese von den Reformierten entfernt wurde. Über die Zeit erhalten blieben lediglich einige Grabplatten von Äbtissinnengräbern, die 1519 neu geschaffene Tumba des Stiftsgründers Gero, sowie das Heilige Grab. Seine genaue Datierung ist umstritten. Es steht jedenfalls fest, dass es beim romanischen Umbau der Kirche bereits vorhanden war, somit handelt es sich um das älteste erhaltene Heilige Grab in Deutschland. Es hatte eine wichtige Funktion in der Gernroder Stiftsliturgie während der Ostertage. Im Rahmen liturgischer Osterspiele, die für Gernrode aus einer erhaltenen Handschrift rekonstruiert werden konnten, aber auch aus anderen Frauenstiften wie Essen bekannt sind, wurde am Karfreitag der vom Kreuz genommene Korpus in den Sarkophag des Heiligen Grabes gelegt. In der Auferstehungsliturgie des Ostersonntags wurde er dann wieder feierlich daraus hervorgeholt und den anwesenden Gläubigen gezeigt.
1519 wurde in der Vierung das Hochgrab für den als Stifter verehrten Markgrafen Gero aus Sandstein errichtet. Es misst 94 Zentimeter in der Höhe, 99 Zentimeter in der Breite sowie 212 Zentimeter in der Länge. Das Grabmal wurde 1865 während der Renovierung der Stiftskirche geöffnet. Man fand darin die Knochen eines Mannes mit einer Körperlänge von 1,84 Metern.
In Gernrode befindet sich auch noch eine weitere Attraktion. Das Stadt- und Schulmuseum befindet sich in der Alten Elementarschule in der Nähe der Stiftskirche. Im Vorgängerbau des heutigen Gebäudes war zeitweise die bereits 1533 gegründete protestantische Elementarschule untergebracht, sie gehört zu den ältesten protestantischen Elementarschulen in Deutschland. Auf den Fundamenten aus dem 15./16. Jahrhundert wurde im frühen 18. Jahrhundert ein neues Gebäude errichtet, seitdem ist das Haus unverändert geblieben und der alte Schulsaal ist original erhalten. Hier kann man erleben, wie der Unterricht vor 100 Jahren ausgesehen hat. Ich ließ mir den Rohrstock in die Hand geben, denn bisher kannte ich so etwas nur aus Erzählungen. Ich selbst habe ihn während meiner Zeit als Schülerin zum Glück nie gespürt.
Sakrales und Profanes
Sonntag, 13. Mai 2012
Die Bibelfreizeit des Christlichen Blindendienstes gehört zu den Veranstaltungen, auf die ich mich immer wieder freue. Wie in den letzten Jahren auch, verbrachten wir eine intensive Woche voller Gespräche und Erlebnisse im Harz. Untergebracht waren wir im Helmut-Kreutz-Haus, von wo aus wir in Halb- und Ganztagesausflügen die Umgebung erkundeten. Schon der Auftakt war bemerkenswert. Wir besuchten ein Konzert in der Johanniskirche in Wernigerode. Ein verhältnismäßig großes Kammerorchester mit Chor, einer Sopranistin und einem Tenor brachte Werke von Georg Friedrich Händel zu Gehör. Die meisten Werke stammten aus der Zeit, die er in England lebte, denn sie wurden in englischer Sprache gesungen.
Die Bibelarbeit stand dieses Jahr unter dem Thema »Glaubenszweifel«, das in die Zeit passte und spannende Diskussion anregte. Ich denke, dass sich niemand davon freisprechen kann, ohne jeden Zweifel im Glauben zu sein. So waren viele dieser Gespräche auch sehr persönlich und rührten an die Tiefe der menschlichen Existenz. Das tat gut angesichts der Oberflächlichkeit, mit der wir heute oft miteinander kommunizieren, auch wenn wir natürlich nicht alle Probleme und Widersprüche, etwa den Konflikt zwischen Glauben und Wissenschaft, auflösen konnten.
Der sonntägliche Gottesdienst in der Wernigeroder Liebfrauenkirche wurde von den Konfirmanden gestaltet. Mich beeindruckte vor allem die Auslegung des »Vater unser« und der Chor, der englischsprachige Gospels sang. So lebendig und inhaltsreich kann Gottesdienst heute sein. Ich wünschte mir, manche Pastorin und mancher Pastor, die ich in den letzten Monaten erlebt habe, würde sich davon etwas abschauen.
Neben der Bibelarbeit wartete auch dieses Jahr ein volles Ausflugsprogramm auf uns. Als erstes besuchten wir das Benediktinerkloster Ilsenburg. Die Klosteranlage stammt aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Eigentümer der Klosterkirche ist die Stadt Ilsenburg, die den sakralen Bau aufwendig restaurieren ließ. Die Reste der Klausurgebäude sind seit 2000 im Besitz der Stiftung Kloster Ilsenburg. Es soll ein Kunst- und Kulturzentrum entstehen, in das auch das auf dem ehemaligen Klostergelände liegende Schloss einbezogen wird.
Insgesamt ist es eine sehr große Anlage, obwohl viele der historischen Gebäude im Laufe der Jahrhunderte abgerissen wurden. Im Prinzip stehen heute nur noch der Ost- und der Südflügel der Klausur des einstigen Benediktinerklosters. Den besten Eindruck von der einstigen Großartigkeit des Bau bekommt man im Refektorium, also dem Speisesaal der Mönche.
Nach diesem Sakralbau stand beim nächsten Ausflug ein Profanes Gebäude auf dem Programm: Schloss Ballenstedt. Die erste sichere Erwähnung Ballenstedts erfolgt in einer Urkunde König Heinrichs IV. aus dem Jahre 1073. Als erstes entstand auf dem heutigen Schlossberg das Kollegiatstift St. Pancratius und Abundus, das 1046 im Beisein von König Heinrich III. geweiht wurde. 1123 wurde das Stift in ein Benediktinerkloster umgewandelt. In der Klosterkirche wurde 1170 Albrecht der Bär beigesetzt, dessen Enkel Heinrich I. der erst Fürst von Anhalt werden sollte. Im Bauernkrieg wurde das Benediktinerkloster gestürmt und teilweise zerstört und 1525 durch Fürst Wolfgang von Anhalt säkularisiert und als Residenz ausgebaut. Im Jahre 1543 wurde Ballenstedt das Stadtrecht verliehen. Eine Stadtbefestigung wurde 1551 erbaut, und 1582 werden erstmals ein Rathaus und ein Rat erwähnt. Während des Dreißigjährigen Krieges erstürmten 1626 Wallensteins Truppen die Stadt und plünderten sie.
Vom 17. Jahrhundert an wurde Ballenstedt durch die Fürsten zu Anhalt-Bernburg weiter ausgebaut. Auf den Resten des ehemaligen Klosters entstand eine repräsentative Schlossanlage. 1765 erklärte Fürst Friedrich-Albrecht Ballenstedt offiziell zur Residenzstadt, und damit begann die politische, wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit. Ausdruck des kulturellen Aufstiegs war unter anderem der Bau des Schlosstheaters, der 1788 in Angriff genommen wurde. Hier traten später Albert Lortzing und Franz Liszt auf, die dem Theater zu einem bedeutenden Ruf über Anhalts Grenzen hinweg verhalfen.
Als 1863 Herzog Alexander Carl kinderlos starb, fiel Anhalt-Bernburg an Dessau, und Ballenstedt wurde zu einer der fünf Kreisstädte des wieder vereinigten Landes Anhalt. Nach und nach entwickelte sich das Städtchen zum Domizil wohlhabender Pensionäre und mit der touristischen Erschließung des Harzes erlebte die Stadt auch durch den Fremdenverkehr neuen Aufschwung. Das Schloss diente bis 1918 als Jagd- und Nebenresidenz der Herzöge von Anhalt und bis 1945 als Privatwohnsitz der herzoglichen Familie.
Bei vielen historischen Gebäuden oder Privatmuseen begeistert mich das Engagement, mit dem Bürger ihre Geschichte pflegen und die Häuser und Einrichtungen unterhalten. So auch hier in Ballenstedt, wo man versucht unterschiedliche kulturelle Aktivitäten in den Gebäuden am Leben zu erhalten. So wird z. B. der »Weiße Saal« des Schlosses von einer Klöppelgruppe genutzt.
Für heute soll das genug der Beschreibungen von historischen Gebäuden sei. Eine vollgepackte Woche in Wernigerode verdient durchaus zwei Beiträge in diesem Blog.
Die Blindgängerin in Spanien
Freitag, 11. Mai 2012
Erst wollte ich es gar nicht glauben. Aber tatsächlich: Dieses kleine Blog wird selbst in Spanien gelesen. Mehr noch, es wird sogar in den Medien darüber berichtet.
Nun ja, eigentlich geht es über das Projekt der »Blinden Fotografen« von Kilian Förster, über das ich hier schon geschrieben habe. In diesem Zusammenhang entstand auch das Porträt, das jetzt in Spanien veröffentlich wurde.
Ich spreche nicht Spanisch, wollte aber natürlich gerne wissen, was dort über mich zu lesen steht. Mein Freund und Co-Autor Matthias Brömmelhaus wusste Rat. Er fragte einen Freund, der wiederum eine Kollegin hat, die spanisch unterrichtet, und schon war der Text übersetzt. Weil ich denke, dass auch die meisten Leser dieses Artikels der spanischen Sprache nicht mächtig sind, veröffentliche ich hier den Teil, der mich betrifft:
»Ruth Wunsch ist eine über 80 Jahre alte Dame, die uns verrät, dass sie trotz ihrer Blindheit ein Leben voller Farben genießt und sich nicht daran hindern lässt, Aktivitäten auszuführen, die man einer blinden Frau nicht zutraut: ins Theater gehen, reisen, schreiben... und Fotos machen. Sie besitzt einen sehr aktives Blog: Die Blindgängerin.
In ihrem heutigen Bericht erinnert sie sich 50 Jahre später mit filmischer Präzision an ihre Erlebnisse während der fürchterlichen Überschwemmungen von 1962 an der deutschen Nordseeküste, die mit orkanähnlichen Winden mit bis zu 200 km/h einhergingen, und Hamburg überfluteten. Die Vorfälle verursachten 340 Tote und 60.000 Vertriebene.
“In jedem Fall”, schreibt sie, “lässt mich die Erinnerung an den Tsunami daran denken wie kurz das Leben ist. Ein Fingerschnippen und es ist vorbei.” Ihre Schlussfolgerung: “Selbst wenn ich noch die 18,5 Jahre lebe, die mir fehlen um 100 zu werden, muss man das Leben leben, was sage ich, muss ich es leben, bewusst leben.”
“Wenn du dein Augenlicht verlierst, verlierst du die Schönheit des Lebens nicht aus den Augen” mahnt sie an einer anderen Stelle, die so wunderbar rund endet mit folgendem Satz: “Wenn dir die Schönheit des Lebens abhandengekommen ist, bist du wirklich blind.”
»echt blind« als Hörbuch
Freitag, 11. Mai 2012
Angekündigt hatte ich es ja schon und die Blindenhörbücherei hatte ich im letzten Beitrag vorgestellt, nun ist auch »echt blind« als Hörbuch kostenlos bei der Norddeutschen Blindenhörbücherei und allen ihr über den Verbund Medibus angeschlossenen Bibliotheken kostenlos ausleihbar. Es ist ein tolles Gefühl, den eigenen Text von einem professionellen Sprecher - er heißt Mike Olsowski - vorgelesen zu bekommen. Ehrlich gesagt: ich bin ein bisschen stolz darauf! Die Lesezeit beträgt 165 Minuten. Für alle, die neu in diesem Blog sind und nicht wissen, über welches Buch ich überhaupt spreche, hier noch einmal die Informationen, die sich auch auf der Internetseite des Blindenhörbücherei finden: Ruth Wunsch ist blind. Echt blind. Ihre wahren Geschichten handeln von Reisepannen, Männern in weißen Röcken, schwarzen Löchern, blinden Spiegeln, Einkaufspolonäsen, betrügerischen Marktfrauen und Segelunfällen. Kurz: Vom ganz normalen Wahnsinn blinden Lebens, das so ganz anders ist, als die Sehenden es sich vorstellen.
Unter der Buchnummer 40478 können sich alle Blinden und Sehbehinderten das Buch ab sofort kostenlos ausleihen.
Vom Lesen und Hören
Dienstag, 1. Mai 2012
Ich lese viel, dass werden Sie schon gemerkt haben. Zum Beispiel lese ich die Beiträge dieses Blogs gerne noch einmal, nachdem sie erschienen sind. Ich bekomme sie kurze Zeit später in Brailleschrift zugeschickt. Dafür sei der Initiative Braillepost herzlich gedankt.
Lese ich auch Bücher in Punktschrift? Nein! Ehrlich gesagt ist mir das zu mühsam. Romane lese ich zur Entspannung. Ein Roman von mehreren hundert Seiten umfasst in Blindenschrift ein paar dicke Folianten, da kann man sich nicht gemütlich zurücklehnen. Bücher lese ich also, indem ich sie höre. Diese Leidenschaft teile ich mit vielen Sehenden, die es wie ich genießen, einen literarischen Text von einem professionellen Sprecher vorgetragen zu bekommen. Für Blinde und stark sehbehinderte Menschen gibt es hier ein besonderes Angebot. In den Blindenhörbüchereien können wir uns Hörbücher kostenlos ausleihen. Dabei handelt es sich nicht um die Audiobooks, die auch in den Buchhandlungen erhältlich sind oder die man in öffentlichen Büchereien entleihen kann, sondern um Bücher, die im eigenen Tonstudio produziert wurden. Dabei arbeiten alle deutschsprachigen Hörbüchereien zusammen, sodass jeder Nutzungsberechtigte auf den gesamten Bestand zurückgreifen kann, gleich wo er wohnt. Im Gegensatz zu kommerziellen Hörbüchern, die häufig gekürzt sind, werden alle Titel vollständig aufgesprochen. Jede Kürzung würde für sehbehinderte Menschen eine Zensur bedeuten.
Allein die Norddeutschen Blindenhörbücherei in Hamburg hat rund 26.000 verschiedene Bücher in jeweils mehreren Kopien im Bestand. Das Angebot wächst ständig und wir durch die Titel anderer Hörbüchereien ergänzt.
Betroffene finden hier weitere Informationen: http://www.blindenbuecherei.de/
Kunst kostet Geld
Mittwoch, 25. April 2012
Der Blindenverein versucht immer wieder, Künstler zu finden, die bereit sind, mit blinden Menschen kreativ zu arbeiten. Einer der »Wurzelholzkünstler« Reinhard Timpner, der in der Nähe von Worpswede lebt und arbeitet. Das Ausgangsmaterial seiner Skulpturen sind hauptsächlich Wurzeln bzw. Wurzelteile von Olivenbäumen, die er von Nordostspanien nach Norddeutschland bringt. Er geht mit diesem natürlichen Ausgangsmaterial sehr behutsam um, indem er von der natürlich gewachsenen Form ausgeht, die wiederum von der unterschiedlichen Beschaffenheit des Bodens, seiner Nährstoffe, von Trockenzeiten und Regenfällen im Laufe von oft über 500 Jahren Wachstumszeit bestimmt ist. Die fertigen Skulpturen, oft bizarre Gebilde unterschiedlichster Form und Große, sind Unikate. Die Maserung und Struktur des Holzes bringt der Künstler mit seiner Arbeit, vor allem durch das Polieren mit chinesischem Erdnussöl zur Geltung. Obwohl die repräsentativsten und größten Objekte schon einmal eine Tonne wiegen, geht Timpner das Material so schnell nicht aus, denn bei ihm lagern Wurzeln mit einem Gesamtgewicht von rund 17 Tonnen - und immer wieder kommen neue dazu.
Der Künstler hatte übrigens eines faszinierende Idee. Er wollte mit Blinden im Rahmen von Workshops ein großes Kunstwerk schaffen, dass von einer öffentlichen Institution als »Kunst am Bau« gekauft werden sollte. Leider scheiterte die Finanzierung bisher. Im Gespräch mit Timpner regte ich an, den Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband zu kontaktieren, der in diesem Jahr sein 100-jähriges Gründungsjubiläum feiert. Vielleicht lässt sich da ja doch noch etwas in Bewegung bringen. Spannend wäre es allemal.
Geschrieben von Die Blindgängerin
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17:01
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Ärgernisse
Mittwoch, 25. April 2012
An manche Dinge werde ich mich nie gewöhnen. Zum Beispiel an Unzuverlässigkeit, wie sie ein ehemaliger Vorsitzender der CDU-Fraktion in der Bürgerschaft an den Tag legte. Er hatte zugesagt, ein Referat vor blinden Senioren zu halten. Anscheinend schien ihm dieses Publikum nicht wichtig genug, denn eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung sagte er ab. Angeblich habe er aus Versehen einen anderen Termin zum gleichen Zeitpunkt angenommen. Wer‘s glaubt .... Mich regt so etwas auf, denn es ist eine grobe Missachtung der Zuhörer, die eigens wegen des Referenten gekommen waren. Mir ist es unverständlich, dass die meisten Menschen ein derartiges Verhalten tolerieren und klaglos hinnehmen.
Und gleich noch ein zweites Ärgernis. Am vergangenen Sonntag ging ich zur Kirche und erlebte einen derart uninspirierten Gottesdienst, dass es mir fast die Sprache verschlug. Die Pastorin machte den Eindruck, als erfüllte sie nur eine lästige Pflicht, sie ließ jedes Engagement und jede Begeisterung vermissen. Ich stellte mir vor, dass ausgerechnet an diesem Tag ein Mensch in die Kirche gekommen war, der an seinem Glauben zweifelte und nicht wusste, ob er der christlichen Gemeinschaft weiterhin angehören oder auch zu ihr zurückkehren sollte. Wie würde er sich wohl nach einem solchen Gottesdiensterlebnis entscheiden?
Kurzer Prozess
Montag, 23. April 2012
Meine Wohnung hat schon manches Erstaunen bei Sehenden ausgelöst, weil sie so gar nicht den Vorstellungen entspricht, die sie sich von der Behausung einer Blinden machen. Bei mir ist nichts steril - im Gegenteil. Ich mag es gemütlich. Dazu kommen die vielen kleinen und großen Dinge, die sich im Laufe meines langen Lebens angesammelt haben und auf die ich keinesfalls verzichten möchte. Jedes einzelne Teil steht für ein besonderes Erlebnis und hat seinen festen Ehrenplatz. Zugegeben: Viel Platz für weitere »Stehrümchen« habe ich nicht und so wähle ich inzwischen genau aus, ob und was ich mir noch kaufe. So sehr ich jedes einzelne Stück mag und so gerne ich sie in die Hand nehme und dem Ort oder der Stimmung nachspüre, in der ich es erworben habe, alle paar Wochen machen sie richtig Arbeit. Aus Platzmangel bevölkern diese Erinnerungsstücke nämlich auch sämtliche Fensterbänke. Kommt nun der Fensterputzer, muss ich am Abend zuvor alles abräumen und nach getaner Arbeit wieder an den richtigen Platz stellen. Diese Arbeit kann mir niemand abnehmen. Würde ich sie einem Fremden übertragen, fände ich keines meiner Lieblingsstücke wieder. Vor ein paar Tagen war es wieder soweit. Ich hatte alles frei geräumt und wartete auf den Reiniger. Der vereinbarte Termin verstrich und ich wurde unruhig. Es war nicht das erste Mal, dass der Mann mich versetzte. Als er nach einer Stunde immer noch nicht gekommen war, rief ich ihn an. Ich hatte seine Frau am Telefon, die mir lapidar mitteilte, dass ihr Mann vergessen hatte, den Termin in den Tagesplan einzutragen. Sie meinte, er könnte mich vielleicht morgen dazwischen schieben. Ich war wütend. Und ich hatte keine Lust, alles wieder aufzuräumen oder im Chaos zu leben, bis es dem Herrn Fensterputzer genehm war, mich mit seiner Anwesenheit zu beehren. Da fiel mir ein, dass mich vor fast genau zwei Jahren ein Fernsehteam einen Tag lang begleitet hatte und dass dabei auch die »Fensterputzaktion« gefilmt worden war. Sie hatten damals den »Fensterputzer Klaus« für dieses Dreharbeiten engagiert und ich hatte mir seine Telefonnummer notiert. Also griff ich zum Telefon und rief ihn an. Ich erwischte ihn bei der Arbeit. Er konnte sich noch gut an mich erinnern und sagte zu, zwei Stunden später zu mir zu kommen. Und tatsächlich: er erschien pünktlich und tat seine Arbeit. Ich fragte ihn, ob er mich noch in seinen Kundenstamm aufnehmen könne und obwohl er genug zu tun hat, sagte er zu. Ich bin sicher, dass er zuverlässig ist und mich nicht versetzt.
Als er gegangen war, bereitete es mir großes Vergnügen, meinen bisherigen Glasreiniger anzurufen. Es sprang nur der Anrufbeantworter an, auf den ich fröhlich sprach: »Meine Fenster sind geputzt. Sie brauchen morgen nicht zu kommen - sie brauchen überhaupt nicht mehr zu kommen.«
Das Aufräumen ging mir danach sehr schwungvoll von der Hand.
Wolfsgeheul
Dienstag, 17. April 2012
Ausstellungen sind für blinde Menschen nur bedingt interessant. Vor allem, wenn es nur »Flachware« anzuschauen gibt, sprich Fotos, Dokumente und Texte. Aber auch dreidimensionale Ausstellungsobjekte befinden sich in den meisten Fällen gut gesichert hinter Glas. Oft sind sie zu wertvoll, um Besuchern in die Hände gegeben zu werden, manchmal auch zu zerbrechlich. In diesem Fall ist ein Museumsbesuch für mich nur von mäßigem Interesse. Wenn ich nichts befühlen, nicht mit den Händen sehen kann, bringt mir der Besuch keine neuen Erkenntnisse. Dann könnte ich mir genauso gut ein Sachbuch vorlesen lassen.
Manchmal allerdings erlebt man Überraschendes. Zum Beispiel, als das Aura Hotel in Timmendorfer Strand eine Fahrt ins Museum für Natur und Umwelt in Lübeck anbot. Ich hatte die Gästebetreuerin selbst auf die Idee gebracht und war doppelt gespannt darauf, was uns erwartete. Um es vorwegzunehmen: Anzufassen gab es wenig. Zwar war einiges im Modell nachgebaut, etwa ein ganzer Wolfsbau, den man allerdings nicht berühren durfte. Und dennoch kamen wir Blinden auf unsere Kosten. Denn was hörte man aus dem Bau: Das Gewimmer der Jungtiere. Selbstverständlich vom Tonband, aber es war neu und beeindruckend. Genau wie die anderen Laute, die ein Wolf von sich gibt und die vom Bellen, das fast wie das eines Hundes klingt, über Schrei- Quiek-, Knurr- und Zirpgeräusche bis zum bekannten Heulen reicht. Wölfe heulen bei verschiedenen Gelegenheiten, jedes Tier mit seiner individuellen »Stimme«.
Wölfe heulen, um ihr Revier gegen andere Wölfe zu behaupten oder um Rudelmitglieder zusammenzuhalten. Das Heulen symbolisiert im Rudel »Hallo, hier sind wir« oder »Wir gehören zusammen«. Deshalb bekommt ein ausgestoßener, einsamer Wolf, keine Antwort von anderen Tieren, wenn er heult. Und so klingt der einsame Wolf auch tatsächlich fast wehleidig.
Statt mit den Händen, lernten wir in dieser Ausstellung also viel Interessantes mit den Ohren - über das sprachliche hinaus. In der Lausitz sind seit etwa zwölf Jahren wieder wilde Wölfe zu Hause. Im östlichen Teil Sachsens und Brandenburgs soll es derzeit neun Rudel mit rund 60 Tieren geben. Mit Eintritt der Geschlechtsreife müssen die Jungtiere das Revier der Eltern verlassen. Dabei wandern sie weite Strecken, wie Nachweise in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Hessen und auch Schleswig-Holstein zeigen. Vielleicht hören wir also auch bald wieder häufiger einmal das Heulen eines Wolfes. Ich werde darauf achten. Und wenn es wehleidig klingt, werde ich Mitleid haben mit dem einsamen Tier.
Schwere Kost
Dienstag, 10. April 2012
Wie schnell schöne Tage doch vorbei sind. Diese Ostertage zum Beispiel. Es tat gut, sich wieder einmal richtig verwöhnen zu lassen von Service und natürlich auch von der exzellenten Küche des Aura Hotels in Timmendorfer Strand. Dazu kamen Gespräche, Spaziergänge und Ausflüge. Zum Niendorfer Fischmarkt etwa, auf dem es auch Fisch gibt, vor allem aber viele andere Schlemmereien und allerlei Nützliches oder auch nur Schönes. Andere mögen das Kitsch nennen, mir ist das egal, wenn es mir gefällt. Aber ich blieb standhaft. Fast jedenfalls. Für einen kleinen Fingerhut wird sich in meiner Wohnung noch ein Plätzchen finden, auch wenn einige Bekannte daran zweifeln.
Fast schon traditionell ist auch das Konzert des örtlichen Shanty-Chores, wie immer gut besucht und gut anzuhören. Maritimes Liedgut darf bei einem Besuch an der Ostsee wirklich nicht fehlen.
Zeit zum Lesen hatte ich auch noch. »Schuld« von Ferdinand von Schirach hatte ich mir als Hörbuch mitgenommen. Die Lektüre ließ mich nicht los. In fast jeder der auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichten führt uns der Autor - ein erfahrener Anwalt und Strafverteidiger - an die dunklen Bereiche menschlicher Existenz und lotet die Niederungen der menschlichen Seele aus. Niemals voyeuristisch aber immer mit einem genauen, geradezu detailversessenen Blick. Genau genommen geht es um das uralte Thema von Schuld und Sühne und den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit. Die Geschichten machen nachdenklich und traurig zugleich. Keine Lektüre für ängstliche Gemüter. Und trotzdem empfehlenswert.
Frohe Ostern!
Sonntag, 8. April 2012
Wie könnte ich anders sein, die Ostertage verlebe ich auch dieses Jahr natürlich wieder im Aura-Hotel in Timmendorfer Strand. Freunde treffen, den Gottesdienst gemeinsam besuchen, vielleicht auch die eine oder andere Kulturveranstaltung, sich vom besonderen Service dieses Hauses verwöhnen lassen. Apropos Service. Gestern passierte wieder so eine typische Blindengeschichte. Meine Freundin und ich hatten zum Abendessen Tee bestellt. Als es an der Zeit war, die Teebeutel aus der Kanne zu nehmen, wollten wir eine der freundlichen Serviererinnen auf uns aufmerksam machen, damit sie uns behilflich wäre. Nun ist es ja wohl kaum angebracht, laut durchs Lokal zu rufen. Also hob meine Freundin zaghaft den Finger. Kurze Zeit später trat ein Herr an unseren Tisch. Sehend, wie sich herausstellte, denn er sagte: »Kann ich Ihnen irgendwie helfen oder prüfen Sie nur die Windrichtung hier im Raum?«
In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs möglichst windstille, ruhige und friedliche Ostertage!
Aufklärung
Freitag, 6. April 2012
Über dieses kleine Blog hier wurde kürzlich ein Journalismus-Student auf mich aufmerksam und kontaktierte mich. Er möchte im Rahmen einer Seminararbeit ein Porträt über mich verfassen und es möglichst auch an das eine oder andere Medium verkaufen und fragte, ob ich Interesse hätte, mich mit ihm zu unterhalten. Selbstverständlich hatte ich. Nichts ist wichtiger, als Sehende über Blinde und ihre Lebenswelt und -wirklichkeit aufzuklären. Also traf ich mich mit dem jungen Mann zu einem ausführlichen Gespräch. Er hatte zuvor noch nie mit blinden Menschen Kontakt gehabt und saugte alle Informationen geradezu auf. So ist es immer. Kommt ein Sehender zum ersten Mal in unsere Welt, ist die Faszination mit Händen greifbar, oft auch die Verwunderung. Alle Hilfsmittel werden begutachtet, Braille-Schriftseiten mit Ehrfurcht befühlt. Die meisten Fragen betreffen die Organisation des Alltagtäglichen: Waschen, Einkaufen, putzen. Dann die Kultur: lesen und schreiben. Ich ermuntere stets zu fragen, denn die Hemmschwelle, die ein Sehender überwinden muss, ist groß. Von alleine trauen sich nur wenige, auf uns zuzukommen. Das ist traurig, aber leider wahr.
Nach ein paar Stunden intensiver Unterhaltung hatte der junge Mann viel erfahren, aber sein Wissensdurst war noch lange nicht gestillt. Und so begleitete er mich und eine Freundin auf der Fahrt nach Timmendorf, erlebte, wie Blinde mithilfe der Bahnhofsmission mit dem Zug verreisen können und führte mich am Arm durch das Gewimmel des Bahnhofs. Anfangs noch vorsichtig und unsicher ob der ungewohnten körperlichen Nähe zu einem fremden Menschen, nach einiger Zeit aber sicherer und freier. Er lernte das Aura-Hotel kennen, wurde von Mitarbeitern durch die Räume geführt und staunte über die Spiele wie »Mensch ärgere dich nicht«, die für uns ertastbar gemacht worden waren. Er spürte, was er sich vorher sicher nicht vorstellen konnte: Ein »Blindenhotel« ist genauso gastlich wie eine Herberge für Sehende. Mir gefiel es, dass er am Ende meinte: »Hier würde ich gerne eine Woche bleiben.« Der Satz zeigte mir, dass die »Aufklärungsarbeit« auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Ich bin gespannt auf den Text, den er schreiben wird. Ich glaube, er wird gut und interessant.
Lärmbelästigung
Montag, 2. April 2012
Wie angenehm es ist, in einer ruhigen Wohnung zu leben, merkte ich in den letzten Tagen. Die Wohnung unter mir wird renoviert, meine langjährige Nachbarin ist vor einiger Zeit ausgezogen. Von morgens bis abends wird nun gehämmert, gebohrt und mit nervtötend lauten Werkzeugen der Boden und die Wände bearbeitet. Auch die Heizkörper werden erneuert, was ich direkt zu spüren bekam, denn meine Wohnung wurde plötzlich auch nicht mehr richtig warm. Also hatte auch ich Handwerker im Haus, denn meine Heizkörper mussten entlüftet werden. Das klappt natürlich nicht auf Anhieb und so beschäftigte mich das einen ganzen Tag.
Inzwischen kann ich verstehen, dass eine Freundin es vorzog, aus ihrer Wohnung, in der sie genau wie ich Jahrzehnte gelebt hatte, aus- und in eine Seniorenresidenz einzuziehen, als das Haus über mehrere Monate saniert und renoviert werden sollte. In dem Krach und Dreck wollte sie nicht leben. Und irgendwann, so meinte sie, müsste der Umzug »ins Heim« ja sowieso sein. Andererseits: Würde bei mir wochen- oder gar monatelang renoviert, würde ich diese Zeit wohl eher im Aura Hotel in Timmendorf »aussitzen«. Der Umzug in die Seniorenresidenz ist gravierend, denn er ist, darüber bin ich mir klar, definitiv der letzte im Leben. Und ganz ehrlich: So lange er nicht nötig ist und ich mein Leben noch bewältige, werde ich ihn hinausschieben. Und sei es auch mit einem langen Urlaub.
Besondere Tage
Dienstag, 27. März 2012
Bei den »Besonderen Tagen«, die das Aura Hotel in Timmendorfer Strand alljährlich im Frühjahr veranstaltet, bin ich quasi Stammgast. Auch dieses Jahr war ich dabei und genoss eine erlebnisreiche Woche mit interessanten Ausflügen. So ging es zum Beispiel nach Flensburg, wo wir durch die zwei Kilometer lange Fußgängerzone bummelten und bei einer Stadtführung so viel über die Geschichte der Stadt erfuhren, dass man es unmöglich alles im Gedächtnis behalten kann.
Einer der Höhepunkte war die Besichtigung einer Rumbrennerei. Seit mehr als 200 Jahren ist Flensburg bekannt für seinen Rum. Doch von einstmals Dutzenden Rumhäusern ist heute nur noch eines übrig, das seit 1878 edlen Flensburger Rum-Verschnitt und echten Jamaika-Rum produziert: A.H. Johannsen. Die Besichtigung des Betriebes, in dem heute gerade einmal 76.000 Flaschen des Zuckerrohrschnapses abgefüllt werden, ist also ein Ausflug in die Wirtschafts- und Kulturgeschichte. Wobei den Frauen natürlich die »Marie« am besten schmeckte, ein leckerer Sahnelikör.
Für mich war der Höhepunkt dieser Tage die Kutschfahrt zur Bräutigamseiche bei Eutin. Ich genoss die Fahrt in einem dreispännigen Planwagen, gezogen von Billa, Ronja und Jule. Der Kutscher hatte die Pferde perfekt im Griff und ging dabei äußerst liebevoll mit ihnen um. Immer wieder lobte er sie und gab seine Anweisungen ruhig und präzise. Man merkte, dass er sein Fach verstand, schließlich hatte er bei der Kutscherprüfung auch 9,5 von 10 Punkten erreicht. Den halben Punkt hatte man ihm abgezogen, weil er vergessen hatte, eine Krawatte anzuziehen.
Die Bräutigamseiche ist über 500 Jahre alt, hat einen Umfang von 5 Meter, ist 25 Meter hoch und in der Krone 30 Meter weit. Den Platz rund um die Eiche schützt bis auf den Zugang ein Jägerzaun.
Über die Pflanzung der Eiche gibt es eine Sage, wonach ein an einen Baum gebundener keltischer Fürstensohn hier im Wald von einem Christenmädchen befreit worden sei. Aus Dank darüber pflanzte er die Eiche.
Die Sage verspricht außerdem, dass ein Mädchen, das bei Vollmond schweigend und ohne zu lachen dreimal um den Baum geht und dabei an den Geliebten denkt, noch innerhalb eines Jahres ihren Angebeteten heiraten wird.
Zu seinem Namen kam der Baum aufgrund einer Eheschließung unter seinen Ästen. Am 2. Juni 1891 trauten sich Fräulein Ohrt (Tochter des Dodauer Oberforstmeisters) und der Schokoladenfabrikant Schütte-Felsche unter dieser Eiche. Der Vater der Braut war zunächst gegen diese Verbindung und verbot den Kontakt, sodass die beiden Liebenden heimlich Liebesbriefe über ein Astloch dieses Baums austauschten.
Inzwischen sind als Folge der über die Eiche eingeleiteten Korrespondenz und Kontaktaufnahme mehr als hundert Ehen geschlossen worden.
Wer es selbst einmal versuchen möchte, die Postanschrift lautet: Bräutigamseiche, Dodauer Forst, 23701 Eutin.
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