Vernissage
Montag, 30. August 2010
Vor ein paar Tagen besuchte ich eine Vernissage. Was für ein Satz. Er hört sich an wie der Anfang eines Romans, der unter Bohemiens spielt. Ganz bestimmt fragen sich jetzt viele: Was will eine Blinde bei der Eröffnung einer Kunstausstellung? Nun ja, es war keine ganz normale Vernissage. Sie fand in den Räumen des Hamburger Blindenvereins statt und damit war es per se eine besondere Veranstaltung. Der Künstler Horst W. Müller wurde 1941 in Bremen geboren. Nach seinem Studium unternahm er viele Reisen in Europa und Südamerika, lebte anschließend in Afrika und den Vereinigten Staaten. Seine mit Pinsel, Spachtel und Händen geschaffenen Werke wurden schon in Miami, London und Toronto ausgestellt. Nun hängen 18 seiner Werke an den Wänden unseres Vereinshauses. Das hat seinen Grund, denn Müller möchte auch Blinde und Sehbehinderte an seiner Kunst teilhaben lassen. Der stellte die Bilder mit der eindeutigen Erlaubnis zur Verfügung, dass wir sie in die Hand nehmen und befühlen dürfen. So interessant das auch war, wurde doch schnell klar, dass Blinde beim Betrachten von Malerei an eine unüberwindliche Grenze stoßen. Die Bilder sind zum großen Teil abstrakt und leben, so jedenfalls schilderte es mir meine sehende Begleitung, sehr von der Farbe. Damit entziehen sie sich einer haptischen Betrachtung, auch wenn diese sehr angenehm war. Keine spitzen, schroffen Erhebungungen, an denen man sich verletzen konnte. Rund, weich, harmonisch. So würde ich es beschreiben.
Die Veranstaltung war gut besucht, mehr als fünfzig Gäste waren anwesend, darunter aber wohl mehr Sehende als Blinde. Was wohl die größere Attraktion war: die Gemälde oder die Blinde, die tastend versuchten, diese für sich zu entschlüsseln?
Auf dem Heimweg wurde ich im Bus von einer Wespe in die Unterlippe gestochen, die daraufhin sofort anschwoll. Es schmerzte, es war unangenehm und ich bekam Angst. Was hört man nicht alles über allergische Reaktionen und ihre schlimmen Folgen. Also rief ich die ärztliche Beratungsstelle an, die mich beruhigte: »Sie werden nicht daran sterben.« Na dann ist ja alles gut!
Die Veranstaltung war gut besucht, mehr als fünfzig Gäste waren anwesend, darunter aber wohl mehr Sehende als Blinde. Was wohl die größere Attraktion war: die Gemälde oder die Blinde, die tastend versuchten, diese für sich zu entschlüsseln?
Auf dem Heimweg wurde ich im Bus von einer Wespe in die Unterlippe gestochen, die daraufhin sofort anschwoll. Es schmerzte, es war unangenehm und ich bekam Angst. Was hört man nicht alles über allergische Reaktionen und ihre schlimmen Folgen. Also rief ich die ärztliche Beratungsstelle an, die mich beruhigte: »Sie werden nicht daran sterben.« Na dann ist ja alles gut!
Sommerplauderei
Mittwoch, 25. August 2010
Die Sommertage plätschern so dahin. Schön eigentlich, wenn man Zeit hat für die angenehmen Dinge des Lebens. Lesen zum Beispiel. Nachdem ich gerade »ausgesimmelt« habe, wobei mich sein Roman »Liebe ist nur ein Wort« wirklich gepackt hat, lese ich derzeit »Der Koch« von Martin Suter. Ungewöhnlich und interessant, auch wenn mir die Kochrezepte manches Mal zu viel des Guten sind.
Auch im Seniorenkreis wird regelmäßig vorgelesen. Jedes Mal ein Kapitel aus Evelyn Sanders »Pellkartoffeln mit Popcorn«. Die Autorin erzählt von Kriegs- und Nachkriegszeit in Berlin aus der Sicht eines Kindes, für das Geburtstag bei Kartoffelkuchen und Kinderlandverschickung nach Ostpreußen der ganz normale Alltag waren. Und danach? Mathe-Aufgaben bei Kerzenlicht, Christbaumklau im Grunewald, Chewing-Gum und „Backfisch-Party“ bei Musik von Glenn Miller... Das Buch handelt also von meiner eigenen, selbst erlebten Geschichte. Hin und wieder muss ich schmunzeln. Ja, genauso war es. Bei anderen Passagen schüttele ich hingegen eher den Kopf, so trivial sind sie erzählt. Aber gut, jeder hat nun einmal seinen eigenen literarischen Geschmack.
Wo ich gerade so milde gestimmt bin, möchte ich noch ein Lob loswerden. Ein berechtigtes allerdings und für ein sonst oft gescholtenes Unternehmen: die Deutsche Telekom. Seit einiger Zeit stimmte etwas bei meinem Anschluss ist. Freunde erzählten mir, dass mein Telefon oft stundenlang besetzt war, obwohl ich gar nicht telefonierte. Nach vielen vergeblichen Versuchen, einen Menschen statt eines Computers bei der Störungsstelle zu erreichen, schaffte ich es dann doch mit Hilfe eines Bekannten, der früher bei der Telekom gearbeitet hatte. Und siehe da: Schon wenige Stunden später kam ein Techniker. Der Herr war nicht nur kompetent, sondern auch noch freundlich und nett. Während er meine völlig veraltete Anschlussdose austauschte, plauderten wir über dieses und jenes. Eine perfekte Dienstleistung, erbracht von einem höflichen Menschen. Geht doch, liebe Telekom!
Auch im Seniorenkreis wird regelmäßig vorgelesen. Jedes Mal ein Kapitel aus Evelyn Sanders »Pellkartoffeln mit Popcorn«. Die Autorin erzählt von Kriegs- und Nachkriegszeit in Berlin aus der Sicht eines Kindes, für das Geburtstag bei Kartoffelkuchen und Kinderlandverschickung nach Ostpreußen der ganz normale Alltag waren. Und danach? Mathe-Aufgaben bei Kerzenlicht, Christbaumklau im Grunewald, Chewing-Gum und „Backfisch-Party“ bei Musik von Glenn Miller... Das Buch handelt also von meiner eigenen, selbst erlebten Geschichte. Hin und wieder muss ich schmunzeln. Ja, genauso war es. Bei anderen Passagen schüttele ich hingegen eher den Kopf, so trivial sind sie erzählt. Aber gut, jeder hat nun einmal seinen eigenen literarischen Geschmack.
Wo ich gerade so milde gestimmt bin, möchte ich noch ein Lob loswerden. Ein berechtigtes allerdings und für ein sonst oft gescholtenes Unternehmen: die Deutsche Telekom. Seit einiger Zeit stimmte etwas bei meinem Anschluss ist. Freunde erzählten mir, dass mein Telefon oft stundenlang besetzt war, obwohl ich gar nicht telefonierte. Nach vielen vergeblichen Versuchen, einen Menschen statt eines Computers bei der Störungsstelle zu erreichen, schaffte ich es dann doch mit Hilfe eines Bekannten, der früher bei der Telekom gearbeitet hatte. Und siehe da: Schon wenige Stunden später kam ein Techniker. Der Herr war nicht nur kompetent, sondern auch noch freundlich und nett. Während er meine völlig veraltete Anschlussdose austauschte, plauderten wir über dieses und jenes. Eine perfekte Dienstleistung, erbracht von einem höflichen Menschen. Geht doch, liebe Telekom!
Modern - und doch schön
Mittwoch, 18. August 2010
Ich war mal wieder in einem Konzert. In einem sehr schönen sogar. Und ich hatte kein Problem, dorthin zu gelangen, weil die Pastorin im Gottesdienst abgekündigt hatte (so heißt das wirklich, wenn etwas von der Kanzel verkündet wird), dass ich eine Begleitung für diesen Anlass suchte. Sofort fand sich eine Nachbarin bereit, mich zu begleiten.
Wie gesagt: Das Konzert war schön, wenn auch ungewöhnlich. Es spielte die »Sinfonietta bulgaria«, ein Ensemble von 21 Musikstudenten und Profimusikern - wobei an diesem Abend ein Musiker bald aufgeben musste. Sein Instrument, ein Horn, war defekt.
Geleitet wird das Orchester auf seiner aktuellen Tournee von Viktor Ilieff, 1976 in Bulgarien geboren. Seine musikalische Ausbildung zum Komponisten und Dirigenten absolvierte er in den USA (Oberlin College, Ohio und San Francisco Conservatory) sowie in Österreich (Wiener Musikhochschule).
Seine außerordentlichen dirigentischen Fähigkeiten konnte Ilieff in Österreich unter Beweis stellen, nämlich als Assistent am Opernhaus Graz, als musikalischer Leiter einer Produktion des Festival »Steirischer Herbst«, als Dirigent am Jugendstiltheater Wien, beim Pro Arte Orchester in Wien und als Assistent von Richard Hickox und dem Wiener Radio Symphonie Orchester bei der Konzertproduktion der Dvorak-Oper „Dimitrij” am Wiener Konzerthaus. Darüber hinaus arbeitete er mehrmals mit einem der besten bulgarischen Klangkörper, dem Plovdiv Philharmonic Orchestra. Auch nach Frankreich und England wurde Ilieff bereits mehrmals eingeladen.
Als Komponist gewann er 2001 u. a. den Alban Berg Preis für Komposition und komponierte für das Festival of Water in Clermond-Ferrand, Frankreich.
Was war nun so ungewöhnlich an dem Konzert? Es wurden ausschließlich moderne Werke von Komponisten der letzten Jahrzehnte wie Günter Haas und Andre Stamm aufgeführt. Viele Stücke orientierten sich aber an eher traditionellen Kompositionsstilen und somit sprachen sie auch mich an, obwohl ich nicht so vertraut mit zeitgenössischer Musik bin. Besonders gefallen hat mir die Komposition »Der Baum« von Norbert Linke - eine wahre Tonmalerei, die Bilder vor meinem inneren Auge entstehen ließ.
Wie gesagt: Das Konzert war schön, wenn auch ungewöhnlich. Es spielte die »Sinfonietta bulgaria«, ein Ensemble von 21 Musikstudenten und Profimusikern - wobei an diesem Abend ein Musiker bald aufgeben musste. Sein Instrument, ein Horn, war defekt.
Geleitet wird das Orchester auf seiner aktuellen Tournee von Viktor Ilieff, 1976 in Bulgarien geboren. Seine musikalische Ausbildung zum Komponisten und Dirigenten absolvierte er in den USA (Oberlin College, Ohio und San Francisco Conservatory) sowie in Österreich (Wiener Musikhochschule).
Seine außerordentlichen dirigentischen Fähigkeiten konnte Ilieff in Österreich unter Beweis stellen, nämlich als Assistent am Opernhaus Graz, als musikalischer Leiter einer Produktion des Festival »Steirischer Herbst«, als Dirigent am Jugendstiltheater Wien, beim Pro Arte Orchester in Wien und als Assistent von Richard Hickox und dem Wiener Radio Symphonie Orchester bei der Konzertproduktion der Dvorak-Oper „Dimitrij” am Wiener Konzerthaus. Darüber hinaus arbeitete er mehrmals mit einem der besten bulgarischen Klangkörper, dem Plovdiv Philharmonic Orchestra. Auch nach Frankreich und England wurde Ilieff bereits mehrmals eingeladen.
Als Komponist gewann er 2001 u. a. den Alban Berg Preis für Komposition und komponierte für das Festival of Water in Clermond-Ferrand, Frankreich.
Was war nun so ungewöhnlich an dem Konzert? Es wurden ausschließlich moderne Werke von Komponisten der letzten Jahrzehnte wie Günter Haas und Andre Stamm aufgeführt. Viele Stücke orientierten sich aber an eher traditionellen Kompositionsstilen und somit sprachen sie auch mich an, obwohl ich nicht so vertraut mit zeitgenössischer Musik bin. Besonders gefallen hat mir die Komposition »Der Baum« von Norbert Linke - eine wahre Tonmalerei, die Bilder vor meinem inneren Auge entstehen ließ.
Das Leben als ruhiger Fluss
Sonntag, 15. August 2010
Im Moment geht das Leben einen recht ruhigen Gang. Sommer eben. Es gibt nur wenige Termine und Veranstaltungen und ich nutze die Zeit vor allem, mich mit Literatur zu beschäftigen. Auf Empfehlung eines Freundes habe ich mir Bücher von zwei der großen amerikanischen Erzähler ausgeliehen. Mit einem - Philip Roth - konnte ich mich nicht anfreunden, während ich den anderen - Paul Auster - großartig fand und sicher noch mehr von ihm lesen werde.
Ich genieße die ruhigen Tage. Vor ein paar Tagen hörte ich im Radio ein Interview mit der Schauspielerin Sabine Postel. Gefragt, was sie sich persönlich wünsche, antwortete sie: »Aufstehen, wann ich möchte, so lange frühstücken, wie es mir gefällt, das Handy gar nicht erst einschalten.« Wie privilegiert ich doch bin. All das habe ich jeden Tag!
Natürlich vergesse ich auch meine Sozialkontakte nicht und so telefonierte ich gerade mal wieder mit meinem Freund Alwin. Er erzählte mir voller Entsetzen, dass doch tatsächlich jemand in seinem Bekanntenkreis behaupten würde, ich feierte dieses Jahr noch meinen 80. Geburtstag. Er habe sich mit diesen Leuten regelrecht gestritten. Schließlich würde ich doch erst 70! Als ich ihm lachend erklärte, dass er sich irre, bestand er darauf, dass ich zu unserem nächsten Treffen meinen Personalausweis mitbringen müsse.
Zum Schluss erzählte mir Alwin noch eine schöne Anekdote. Er wollte eine Straße überqueren und stand wartend an einer Ampel. Da ertönte eine Stimme: »Es ist grün, Sie können gehen.«
Alwin antwortete trocken: »Darauf kann ich mich nicht verlassen.«
»Doch, das können Sie. Ich bin Polizist.«
Auch das eines dieser Erlebnisse, die nur ein Blinder haben kann.
Ich genieße die ruhigen Tage. Vor ein paar Tagen hörte ich im Radio ein Interview mit der Schauspielerin Sabine Postel. Gefragt, was sie sich persönlich wünsche, antwortete sie: »Aufstehen, wann ich möchte, so lange frühstücken, wie es mir gefällt, das Handy gar nicht erst einschalten.« Wie privilegiert ich doch bin. All das habe ich jeden Tag!
Natürlich vergesse ich auch meine Sozialkontakte nicht und so telefonierte ich gerade mal wieder mit meinem Freund Alwin. Er erzählte mir voller Entsetzen, dass doch tatsächlich jemand in seinem Bekanntenkreis behaupten würde, ich feierte dieses Jahr noch meinen 80. Geburtstag. Er habe sich mit diesen Leuten regelrecht gestritten. Schließlich würde ich doch erst 70! Als ich ihm lachend erklärte, dass er sich irre, bestand er darauf, dass ich zu unserem nächsten Treffen meinen Personalausweis mitbringen müsse.
Zum Schluss erzählte mir Alwin noch eine schöne Anekdote. Er wollte eine Straße überqueren und stand wartend an einer Ampel. Da ertönte eine Stimme: »Es ist grün, Sie können gehen.«
Alwin antwortete trocken: »Darauf kann ich mich nicht verlassen.«
»Doch, das können Sie. Ich bin Polizist.«
Auch das eines dieser Erlebnisse, die nur ein Blinder haben kann.
Seniorin werden ist nicht schwer
Mittwoch, 11. August 2010
Ich bin eine Seniorin - daran gibt es bei meinem Alter keinen Zweifel. Nur fühle ich mich bei weitem nicht so alt, wie es mein Personalausweis dokumentiert. Deshalb bin ich bisher auch nur selten zu den Treffen der Seniorengruppen des Blindenvereins gegangen. Franziska Diesmann, Seniorenbetreuerin des Hamburger Blindenvereins, sorgt für eine breite Palette an Angeboten für die älteren Mitglieder, darunter Ausflüge und Freizeiten wie Museumsbesuche, eine Führung durch die Hörbücherei oder einen Besuch in einem Altersheim. Diese Freizeitangebote habe ich schon hin und wieder angenommen und werde auch demnächst bei einem Spaziergang durch den Eichtalpark dabei sein. Zu den wöchentlichen Seniorentreffen zu gehen, dazu konnte ich mich bisher nie durchringen. Aber jetzt habe ich es gewagt und siehe da: Es hat gar nicht wehgetan! Im Gegenteil. Frau Diesmann hatte dieses Mal kein dezidiertes Programm, sondern reagierte auf die Interessen der Teilnehmer. Es gab eine Art kurzer Presseschau und dann erzählte sie spannend und lebendig von ihrer Marokkoreise. Daneben blieb noch Zeit für die eine oder andere Plauderei bei Kaffee und Kuchen. Mein Fazit dieses Seniorennachmittags: Ich werde wiederkommen. Ich gehöre ja schließlich auch dazu.
Geschrieben von Die Blindgängerin
um
14:06
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Tags für diesen Artikel: ausflug, blinden- und sehbehindertenverein
Abschied
Sonntag, 8. August 2010
Vor ein paar Tagen, ich saß gerade mit einer Tasse Kaffee und ein paar Plätzchen in der Küche, klingelte das Telefon. Mein Freund Arthur.
»Weißt du, Ruthchen, normalerweise säßen wir jetzt in Mündersbach und würden deinen Hochzeitstag begehen.«
Das hatten wir viele Jahre, ach was: Jahrzehnte so gemacht. Auch nachdem mein Mann gestorben war, hatten wir diese Tradition beibehalten.
Aber nun wurde die Aura-Pension in Mündersbach geschlossen, ich habe schon darüber geschrieben.
Was hatten mein Mann und ich sowie Arthur und seine Frau doch für schöne Ferien im Westerwald erlebt. Vor allem die ausgedehnten Wanderungen, die oft genug mit dem einen oder anderen Abenteuer und Wagnis verbunden waren, werde ich nie vergessen. Das ist vorbei. Als Arthur und ich jetzt so darüber plauderten, entstand eine sehr melancholische Stimmung. Es wurde uns beiden bewusst, dass wir uns in diesem Leben wohl nicht mehr sehen werden. Je älter man wird, desto häufiger werden Trennungen, desto öfter muss man sich verabschieden. Von Dingen, Gewohnheiten und Menschen.
Beinahe wäre es mir in dieser Woche noch einmal passiert. Eine Freundin berichtete mir ebenfalls telefonisch, dass ihr Mann einen schweren Unfall hatte. Ihn hatte ein Sekundenschlaf übermannt und dabei war er frontal gegen einen Baum gefahren. Seine Verletzungen sind zwar schwer, aber glücklicherweise nicht lebensgefährlich. Trotzdem bringt einem ein solches Ereignis die Vergänglichkeit des eigenen Seins mit aller Macht zu Bewusstsein.
»Weißt du, Ruthchen, normalerweise säßen wir jetzt in Mündersbach und würden deinen Hochzeitstag begehen.«
Das hatten wir viele Jahre, ach was: Jahrzehnte so gemacht. Auch nachdem mein Mann gestorben war, hatten wir diese Tradition beibehalten.
Aber nun wurde die Aura-Pension in Mündersbach geschlossen, ich habe schon darüber geschrieben.
Was hatten mein Mann und ich sowie Arthur und seine Frau doch für schöne Ferien im Westerwald erlebt. Vor allem die ausgedehnten Wanderungen, die oft genug mit dem einen oder anderen Abenteuer und Wagnis verbunden waren, werde ich nie vergessen. Das ist vorbei. Als Arthur und ich jetzt so darüber plauderten, entstand eine sehr melancholische Stimmung. Es wurde uns beiden bewusst, dass wir uns in diesem Leben wohl nicht mehr sehen werden. Je älter man wird, desto häufiger werden Trennungen, desto öfter muss man sich verabschieden. Von Dingen, Gewohnheiten und Menschen.
Beinahe wäre es mir in dieser Woche noch einmal passiert. Eine Freundin berichtete mir ebenfalls telefonisch, dass ihr Mann einen schweren Unfall hatte. Ihn hatte ein Sekundenschlaf übermannt und dabei war er frontal gegen einen Baum gefahren. Seine Verletzungen sind zwar schwer, aber glücklicherweise nicht lebensgefährlich. Trotzdem bringt einem ein solches Ereignis die Vergänglichkeit des eigenen Seins mit aller Macht zu Bewusstsein.
Die neue FSJ-lerin
Mittwoch, 4. August 2010
Junge Menschen, die ein »Freiwilliges soziales Jahr« absolvieren und damit statt sofortigem Karrierestart auch noch das Wohl anderer Menschen im Auge haben oder zumindest mehr über die soziale Realität in unserem Land erfahren wollen, sind die Engel aller Behinderten. Ohne diese FSJ-ler wäre zumindest mein Leben komplizierter und ärmer. Einmal in der Woche begleitet mich einer dieser jungen Menschen beim Einkaufen, auf den Friedhof, zur Post oder Sparkasse, liest mir Briefe vor, hilft mir beim Ausfüllen von Formularen. Und wenn ich Glück habe, ergeben sich Gespräche über die Generationsgrenze hinweg, von denen, so bilde ich es mir jedenfalls ein, nicht nur ich profitiere.
Gestern besuchte mich eine neue FSJ-lerin. Friederike hat erst gerade ihren Dienst beim Hamburger Blindenverein angetreten. Sie war mir vom ersten Moment an sympathisch - wie sollte es auch anders sein, schließlich stammt sie aus meiner Heimat Ostwestfalen. Der Klang ihrer Mundart war mir sofort vertraut. Um sich ein bisschen den Wind der Großstadt um die Nase wehen zu lassen, neue Horizonte zu entdecken, zog Friederike vom eher beschaulichen Detmold nach Hamburg in eine Wohngemeinschaft. Sie erwies sich sofort als patente, dem Leben gewachsene junge Frau. Sie wird sich schnell in ihrer neuen Heimat zurechtfinden und ich hoffe, dass sie mich in den nächsten Monaten häufiger besucht. Sie meinte am Schluss unseres ersten Treffen auch, dass sie sich darauf freuen würde. Eine gute Voraussetzung, finde ich.
Gestern besuchte mich eine neue FSJ-lerin. Friederike hat erst gerade ihren Dienst beim Hamburger Blindenverein angetreten. Sie war mir vom ersten Moment an sympathisch - wie sollte es auch anders sein, schließlich stammt sie aus meiner Heimat Ostwestfalen. Der Klang ihrer Mundart war mir sofort vertraut. Um sich ein bisschen den Wind der Großstadt um die Nase wehen zu lassen, neue Horizonte zu entdecken, zog Friederike vom eher beschaulichen Detmold nach Hamburg in eine Wohngemeinschaft. Sie erwies sich sofort als patente, dem Leben gewachsene junge Frau. Sie wird sich schnell in ihrer neuen Heimat zurechtfinden und ich hoffe, dass sie mich in den nächsten Monaten häufiger besucht. Sie meinte am Schluss unseres ersten Treffen auch, dass sie sich darauf freuen würde. Eine gute Voraussetzung, finde ich.
Eine vergnügliche Farce
Samstag, 31. Juli 2010
Nachdem meine letzten Theaterbesuche eher als Reinfall zu bezeichnen waren, verlebte ich jetzt wieder einmal einen vergnüglichen Abend im Winterhuder Fährhaus. Zusammen mit Freunden sah ich die Komödie oder besser die Farce »Außer Kontrolle« von Ray Cooney. Der Inhalt ist schnell erzählt. Anstatt an einer Nachtsitzung im Reichstag teilzunehmen, verbringt Staatsminister Richard Willy von der konservativen Regierungspartei ein Schäferstündchen mit der Sekretärin des Oppositionsführers im Adlon. Es hätte so schön sein können, doch dann kommt alles anders als geplant. Im Schrank ihrer Hotelsuite entdecken die beiden eine Leiche. Willy ruft seinen Staatssekretär Kurt zu Hilfe. Er soll alles Regeln - wie immer. Doch die Verwicklungen eskalieren. Es tauchen immer neue, unerwartete Gäste auf, die Kurt, der in ständig neue Rollen mit anderen Namen schlüpfen muss, daran hindern, die Leiche zu beseitigen. Der eifersüchtige Ehemann von Willys Geliebter, ein geldgieriger Kellner, eine resolute Krankenpflegerin mit Liebeswallungen, der Manager des Hotels, ein orientierungsloser Privatdetektiv und nicht zuletzt die Ehefrau des Ministers. Und dann entpuppt sich auch noch die Leiche als recht lebendig.
Die Aufführung bedient sich aller bekannten Zutaten des Boulevardtheaters. Türen werden zugeschlagen, es wird gelogen, dass sich die Balken biegen, es kommt zu Verwechslungen und ungeplante Begegnungen bieten jede Menge Situationskomik. Dass es ein vergnüglicher Abend war, liegt vor allem an dem skurrilen Humor und dem unglaublichen Tempo der Inszenierung. Den hervorragenden Schauspielern wird hier wirklich alles abverlangt, was das Publikum mit vielen Lachern und langem Beifall honorierte.
Die Aufführung bedient sich aller bekannten Zutaten des Boulevardtheaters. Türen werden zugeschlagen, es wird gelogen, dass sich die Balken biegen, es kommt zu Verwechslungen und ungeplante Begegnungen bieten jede Menge Situationskomik. Dass es ein vergnüglicher Abend war, liegt vor allem an dem skurrilen Humor und dem unglaublichen Tempo der Inszenierung. Den hervorragenden Schauspielern wird hier wirklich alles abverlangt, was das Publikum mit vielen Lachern und langem Beifall honorierte.
Stargefühle
Dienstag, 27. Juli 2010
Sonntags besuche ich gerne den Gottesdienst in meiner Gemeinde. Es gab Zeiten, da war das mit einigen Problemen verbunden. Da war man in der Gemeinde nicht in der Lage dafür zu sorgen, dass ich abgeholt wurde. Dann stellte ich mich einfach wie ein Wegelagerer an die Straße und wartete, dass jemand vorbeikam, den ich ansprechen konnte. Diese Zeiten sind vorbei. Heute läuft es ganz anders. Und wie!
In der vergangenen Woche fragte mich Pastor Krause, ob ich am Sonntag in die Kirche kommen wolle. Dann würde er dafür sorgen, dass ich abgeholt würde. Am Sonntagmorgen gegen neun Uhr, ich hatte gerade gefrühstückt und wollte mich in Ruhe herrichten, klingelte das Telefon. Pastor Krause. Er wäre in fünfzehn Minuten bei mir. Da musste ich mich beeilen und war soeben fertig, als er an der Tür läutete. Er begleitete mich zur Kirche. Es war erst halb zehn, als ich mich in eine Bank setzte - eine halbe Stunde vor Beginn des Gottesdienstes. Kaum hatte ich Platz genommen, sprach mich eine Dame an. Ob ich eine Kerze anzünden wolle, fragte sie. Ich hatte das noch nie gemacht, wusste nicht einmal, dass es einen Kerzenstock in der Kirche gab. Ich nahm das Angebot gerne an, entzündete ein kleines Licht an der großen Osterkerze und stellte sie im Gedenken an meinen verstorbenen Mann auf.
Kaum saß ich wieder, wurde ich erneut angesprochen. Die Dame stellte sich vor und bot mir an, mich zum Abendmahl zu führen. Und wenn ich Lust hätte, würde sie mich auch gerne nach dem Gottesdienst ins Kirchencafé begleiten.
Holla, dachte ich. So geht das also auch. So gut war ich ja noch nie betreut worden. Und das war noch nicht alles. Als wir im Café waren, sprach ich Pastor Krause an und bat ihn, mir den Lesungstext für einen Gottesdienst des Christlichen Blindendienstes in Lübeck zu diktieren, denn dort sollte ich Lektor sein. So kann ich den Text zu Hause üben. Ich hatte deshalb meine Punktschriftmaschine mitgebracht und der Pastor las die entsprechende Passage über die Auferweckung des Lazarus aus dem Johannesevangelium vor. Sofort bildete sich eine Traube von Menschen um uns und schaute mir zu. Sie hatten noch nie gesehen, wie man mit einer Punktschriftmaschine schreibt. Es kam noch ein ehemaliger Pastor dazu, der den Fernsehbeitrag über mich gesehen hatte und sagte: »Das ist ja toll, da haben wir ja einen richtigen Fernsehstar in unserer Gemeinde.«
Ich wiegelte ab, obwohl: Ein bisschen fühlte ich mich schon wie ein Star an diesem Tag.
In der vergangenen Woche fragte mich Pastor Krause, ob ich am Sonntag in die Kirche kommen wolle. Dann würde er dafür sorgen, dass ich abgeholt würde. Am Sonntagmorgen gegen neun Uhr, ich hatte gerade gefrühstückt und wollte mich in Ruhe herrichten, klingelte das Telefon. Pastor Krause. Er wäre in fünfzehn Minuten bei mir. Da musste ich mich beeilen und war soeben fertig, als er an der Tür läutete. Er begleitete mich zur Kirche. Es war erst halb zehn, als ich mich in eine Bank setzte - eine halbe Stunde vor Beginn des Gottesdienstes. Kaum hatte ich Platz genommen, sprach mich eine Dame an. Ob ich eine Kerze anzünden wolle, fragte sie. Ich hatte das noch nie gemacht, wusste nicht einmal, dass es einen Kerzenstock in der Kirche gab. Ich nahm das Angebot gerne an, entzündete ein kleines Licht an der großen Osterkerze und stellte sie im Gedenken an meinen verstorbenen Mann auf.
Kaum saß ich wieder, wurde ich erneut angesprochen. Die Dame stellte sich vor und bot mir an, mich zum Abendmahl zu führen. Und wenn ich Lust hätte, würde sie mich auch gerne nach dem Gottesdienst ins Kirchencafé begleiten.
Holla, dachte ich. So geht das also auch. So gut war ich ja noch nie betreut worden. Und das war noch nicht alles. Als wir im Café waren, sprach ich Pastor Krause an und bat ihn, mir den Lesungstext für einen Gottesdienst des Christlichen Blindendienstes in Lübeck zu diktieren, denn dort sollte ich Lektor sein. So kann ich den Text zu Hause üben. Ich hatte deshalb meine Punktschriftmaschine mitgebracht und der Pastor las die entsprechende Passage über die Auferweckung des Lazarus aus dem Johannesevangelium vor. Sofort bildete sich eine Traube von Menschen um uns und schaute mir zu. Sie hatten noch nie gesehen, wie man mit einer Punktschriftmaschine schreibt. Es kam noch ein ehemaliger Pastor dazu, der den Fernsehbeitrag über mich gesehen hatte und sagte: »Das ist ja toll, da haben wir ja einen richtigen Fernsehstar in unserer Gemeinde.«
Ich wiegelte ab, obwohl: Ein bisschen fühlte ich mich schon wie ein Star an diesem Tag.
Geschrieben von Die Blindgängerin
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Ein Tag in der Zelle
Donnerstag, 22. Juli 2010
Vor ein paar Tagen besuchte ich mit einer Gruppe des Christlichen Blindendienstes die Karmelzelle in Finkenwerden. „Die Karmel-was?“ werden manche sicher fragen und auch ich hätte mit diesem Namen bis zu diesem Besuch nur wenig anfangen können. Der offizielle Name lautet „Karmelzelle von der Menschwerdung“ und ist eine Wohngemeinschaft von drei Karmelitinnen - kleiner als ein Kloster, das bei den Karmelitinnen „Karmel heißt. Übrigens heißt es tatsächlich Karmelitinnen, richtig sogar „Die unbeschuhten Karmelitinnen“, obwohl gemeinhin der Begriff Karmeliterinnen gebräuchlich ist. Die Zelle wurde 1999 gegründet und seitdem leben die drei Nonnen im schlichten Gemeindehaus der St. Petruskirche. Gar nicht schlicht ist die Kirche, von der ich wirklich begeistert war. Selten habe ich so einen schönen Kirchenbau gesehen. Das Gebäude hat die Form eines Oktagons. Es gibt einen Kreuzweg mit befühlbaren Holzbildern an den einzelnen Stationen. Besonders beeindruckend war eine Glasstele im Meditationsraum. Sie stellt recht abstrakt den Propheten Ilias dar, der mit dem Feuerwagen in den Himmel fährt.
Die Schwestern hatten Kaffee und eine sehr schmackhafte Erdbeertorte zubereitet. Vom Kuchenbacken scheinen Nonnen etwas zu verstehen.
Anschließend erläuterte uns Schwester Miriam, die jüngste der drei Nonnen, ihren Alltag und ihre Arbeit. Das leben spielt sich im Rhythmus der kirchlichen Tageszeiten von Morgen-, Mittags- und Abendlob ab. Dazu kommen zwei öffentliche Zeiten der Meditation während einer Stunde am Morgen und am Abend. Zwei Mal im Monat bieten die Karmelitinnen einen „Stille-Tag“ an, eine Schweigemeditation mit Anleitung zum innerlichen Gebet.
Daneben sind die drei Frauen in die Gemeindearbeit eingebunden und arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Schwester Teresa ist Meisterin und Schwester Immaculata ist Gesellin im Stickereihandwerk. Sie gestalten kirchliche Textilien wie Gewändern, Stolen etc. nach eigenen Entwürfen und den Wünschen der Kunden entsprechend.
Unser Tag in der Karmelzelle endete mit dem Abendlob, die täglich um 17 Uhr gehaltene Vesper.
Die Schwestern hatten Kaffee und eine sehr schmackhafte Erdbeertorte zubereitet. Vom Kuchenbacken scheinen Nonnen etwas zu verstehen.
Anschließend erläuterte uns Schwester Miriam, die jüngste der drei Nonnen, ihren Alltag und ihre Arbeit. Das leben spielt sich im Rhythmus der kirchlichen Tageszeiten von Morgen-, Mittags- und Abendlob ab. Dazu kommen zwei öffentliche Zeiten der Meditation während einer Stunde am Morgen und am Abend. Zwei Mal im Monat bieten die Karmelitinnen einen „Stille-Tag“ an, eine Schweigemeditation mit Anleitung zum innerlichen Gebet.
Daneben sind die drei Frauen in die Gemeindearbeit eingebunden und arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Schwester Teresa ist Meisterin und Schwester Immaculata ist Gesellin im Stickereihandwerk. Sie gestalten kirchliche Textilien wie Gewändern, Stolen etc. nach eigenen Entwürfen und den Wünschen der Kunden entsprechend.
Unser Tag in der Karmelzelle endete mit dem Abendlob, die täglich um 17 Uhr gehaltene Vesper.
Geschrieben von Die Blindgängerin
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18:22
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Blindes Verständnis
Sonntag, 18. Juli 2010
Für Blinde kann jeder Einkauf zu einem Erlebnis, manchmal gar zu einem kleinen Abenteuer werden. So auch, als ich kürzlich mit meiner FSJ-lerin Mascha, die mich zum letzten Mal begleitete, weil ihre Zeit abgelaufen ist, unterwegs war. Unser Weg führte uns unter anderem zu Karstadt. Dort gibt es einen selbstständigen, von der Warenhauskette unabhängigen Schmuckladen, der auch Uhren-Reparaturen anbietet. Wann immer einer meiner Zeitmesser Probleme macht, und sei es nur, weil die Batterie leer ist, suche ich dieses Geschäft auf. Dort wird man stets höflich und zuvorkommend bedient, es wird einem geholfen und das zu akzeptablen Preisen. Zwei meiner sprechenden Uhren funktionieren schon seit einiger Zeit nicht und diese »Invaliden« trug ich nun dorthin. Eine der beiden hat wohl endgültig das Zeitliche gesegnet, denn eine Reparatur würde nach Aussage des Ladenbetreibers teurer sein, als ein Neukauf. Bei der anderen fehlte nur eine Batterie. Als er sie gerade einsetzte, kam ein anderer Kunde dazu. Der Geschäftsinhaber sprach mit ihm in einer Fremdsprache, die ich nicht zuordnen konnte. Getreu dem Motto »Wer nicht fragt, bleibt dumm« sprach ich in an.
»In was für einer Sprache haben Sie sich gerade unterhalten?«
»In Türkisch. Ich habe türkische Wurzeln.«
Da kann man mal wieder sehen. Ich habe mich mit diesem Mann schon oft unterhalten und wäre nie darauf gekommen, dass er einen Migrationshintergrund hat, wie das heute so schön heißt. Als ich ihm das sagte, meinte:
»Nun ja, ich bin ja auch in Hamburg geboren, der schönsten Stadt der Welt. Hier ist meine Heimat. Ich war gerade auf Urlaub in Antalya. Nach drei Wochen war ich froh, wieder nach Hause zu fahren.«
»Aber Antalya, davon schwärmen doch so viele Deutsche«, warf ich ein.
»Waren Sie denn schon einmal da?«, fragte der Mann.
Was sollte ich antworten. Ich überlegte eine Sekunde und entschied mich für die Wahrheit.
»Nein, ich war noch nie in der Türkei. Ehrlich gesagt habe ich Vorurteile gegenüber diesem Land.«
Für einen Moment hatte ich ein mulmiges Gefühl. Was würde der Mann antworten, wenn ich so über das Land seiner Eltern sprach? Nun, er überraschte mich.
»Das kann ich gut verstehen.«
Mehr sagte er dazu nicht, aber das war doch schon aufschlussreich.
Wäre ich sehend, hätte dieses Gespräch wahrscheinlich nie stattgefunden. Aufgrund seines Aussehens hätte ich vielleicht gewusst, dass der Mann türkische Wurzeln hat und ihn nicht nach der Sprache gefragt.
Manchmal erfährt man als Blinder tatsächlich mehr, als ein Sehender.
»In was für einer Sprache haben Sie sich gerade unterhalten?«
»In Türkisch. Ich habe türkische Wurzeln.«
Da kann man mal wieder sehen. Ich habe mich mit diesem Mann schon oft unterhalten und wäre nie darauf gekommen, dass er einen Migrationshintergrund hat, wie das heute so schön heißt. Als ich ihm das sagte, meinte:
»Nun ja, ich bin ja auch in Hamburg geboren, der schönsten Stadt der Welt. Hier ist meine Heimat. Ich war gerade auf Urlaub in Antalya. Nach drei Wochen war ich froh, wieder nach Hause zu fahren.«
»Aber Antalya, davon schwärmen doch so viele Deutsche«, warf ich ein.
»Waren Sie denn schon einmal da?«, fragte der Mann.
Was sollte ich antworten. Ich überlegte eine Sekunde und entschied mich für die Wahrheit.
»Nein, ich war noch nie in der Türkei. Ehrlich gesagt habe ich Vorurteile gegenüber diesem Land.«
Für einen Moment hatte ich ein mulmiges Gefühl. Was würde der Mann antworten, wenn ich so über das Land seiner Eltern sprach? Nun, er überraschte mich.
»Das kann ich gut verstehen.«
Mehr sagte er dazu nicht, aber das war doch schon aufschlussreich.
Wäre ich sehend, hätte dieses Gespräch wahrscheinlich nie stattgefunden. Aufgrund seines Aussehens hätte ich vielleicht gewusst, dass der Mann türkische Wurzeln hat und ihn nicht nach der Sprache gefragt.
Manchmal erfährt man als Blinder tatsächlich mehr, als ein Sehender.
Märchenstunde
Mittwoch, 14. Juli 2010
Die Sommerzeit ist ja eigentlich nicht Märchenzeit. Damit verbinde ich eher kühle Herbstabende, die man sich mit dem Erzählen von Geschichten erwärmt. Andererseits stammen viele der Märchen, die wir kennen, ja auch aus warmen Gefilden. Aladin und die Wunderlampe, Sindbad der Seefahrer, Ali Baba und die 40 Räuber - sie allen erfreuten Menschen in den heißen Wüsten Arabiens. Insofern war der Tropensommer dieser Tage vielleicht doch der richtige Rahmen für den Auftritt einer Märchenerzählerin. Eingeladen vom Christlichen Blindendienst trat die Märchenerzählerin Elita Carstens im Gemeindehaus »Peter und Paul« in Altona auf. Fünf Märchen brachte sie zu Gehör, frei erzählt und nicht vorgelesen. Jede Geschichte wurde von einem leisen, sehr langsam verklingenden Ton aus einer Klangschale eingeleitet. Es dauerte sicher eine Minute, bis nichts mehr zu hören war - genau die richtige Dauer, um Stille einkehren zu lassen und sich zu konzentrieren. Mir persönlich fiel auf, wie ähnlich sich die Märchen auf aller Welt doch sind. Welchem Kulturkreis sie auch immer zuzuordnen sind, letztendlich dreht sich alles um die großen Menschheitsthemen, angereichert mit phantastischen Elementen in Form von sprechenden Tieren und Zaubereien mit Hilfe von Hexen oder Zauberern sowie Riesen. Letztendlich sind wir Menschen wohl doch nicht so verschieden, wie wir manchmal glauben.
Geschrieben von Die Blindgängerin
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15:20
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Lebendige Geschichte
Sonntag, 11. Juli 2010
Im vergangenen Jahr feierte der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg sein 100-jähriges Jubiläum. Die Geschichte des Vereins, der ursprünglich »Blindenverein für Hamburg und Umgebung« hieß, hat Ulrike Backofen in einer spannenden Chronik nachgezeichnet. Dazu wühlte sie in Archiven, sichtete zahllose Originaldokumente und befragte Zeitzeugen. Indem sie aus Satzungen, Briefen, Protokollen und Presseartikeln zitiert, spürt sie die zentralen Themen der einzelnen Jahrzehnte auf. In Interviews kommen Zeitzeugen direkt zu Wort, was die Vergangenheit besonders lebendig werden lässt.
Vor einigen Tagen fand eine Lesung aus dieser Chronik im Louis-Braille-Center statt. Die Autorin lockerte diese Lesung mit einem kleinen Quiz auf, bei dem es drei Exemplare der Chronik zu gewinnen gab. Für die erste Preisfrage zitierte Ulrike Backofen aus einer Anfrage an die Stadt Hamburg. Der Blindenverein bat darum, den Blinden zu gestatten, in der städtischen Badeanstalt eine gemeinsame Kabine mit ihrem »Führer« zu benutzen. Die Frage war, ob dieser Bitte entsprochen wurde. Da ich die Zeit, um die es hier ging, fast noch erlebt hatte, konnte ich mir die Antwort denken. Die Anfrage wurde abschlägig beschieden, weil es als anstößig empfunden wurde, wenn zwei Menschen sich eine Kabine teilten. Ich lag richtig und gewann ein Exemplar dieser wunderschönen Chronik. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert.
Vor einigen Tagen fand eine Lesung aus dieser Chronik im Louis-Braille-Center statt. Die Autorin lockerte diese Lesung mit einem kleinen Quiz auf, bei dem es drei Exemplare der Chronik zu gewinnen gab. Für die erste Preisfrage zitierte Ulrike Backofen aus einer Anfrage an die Stadt Hamburg. Der Blindenverein bat darum, den Blinden zu gestatten, in der städtischen Badeanstalt eine gemeinsame Kabine mit ihrem »Führer« zu benutzen. Die Frage war, ob dieser Bitte entsprochen wurde. Da ich die Zeit, um die es hier ging, fast noch erlebt hatte, konnte ich mir die Antwort denken. Die Anfrage wurde abschlägig beschieden, weil es als anstößig empfunden wurde, wenn zwei Menschen sich eine Kabine teilten. Ich lag richtig und gewann ein Exemplar dieser wunderschönen Chronik. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert.
Geschrieben von Die Blindgängerin
um
14:10
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Tags für diesen Artikel: blinden- und sehbehindertenverein, lesung
Wetteifern mit Gott
Dienstag, 6. Juli 2010
Die genannte Lesung auf der Flussschifferkirche war gut besucht. Am Ende der Lesung rügte ich die Zuhörer spaßeshalber, weil sie keine Zugabe forderten. Das ließen sie sich nicht zwei Mal sagen und es gab drei Zugaben. Das Publikum war sehr interessiert und stellte am Ende viele Fragen, zum Beispiel, wie wohl blinde Männer ihren Umgang mit Schönheit und Körperlichkeit beschreiben würden? Vielleicht gibt es ja einen Leser dieses Blogs, der sich dazu äußern möchte. Nur zu! Ich bin gespannt.
Das vergangene Wochenende verbrachte ich in Timmendorf. Die richtige Entscheidung bei dieser Hitze. Die Temperatur war zwar nicht niedriger, aber ich musste nichts tun, sondern wurde im Aura-Hotel rundherum bedient und umsorgt. Ganz und gar konnte ich mich dem Faulenzen allerdings nicht widmen. Regelmäßig Leser wissen, dass ich gerne und auch schon häufiger literarisch tätig geworden bin. Um meine Schreiberei auf ein höheres Niveau zu heben, nahm ich an einem Schreibseminar teil. Die Aufgabe: Aus einigen kurzen Hinweisen und Vorgaben, eine Geschichte zu erfinden. Die ersten Übungen standen unter dem Thema: „Wetteifern mit Gott. Oder: Wie erfinde ich interessante Menschen.“ Das machte viel Spaß, weil man gut aussehende, begabte und vermögenden Menschen auftreten lassen kann, die es in der Realität nur allzu selten gibt. Begegnet sind mir von dieser Sorte noch nicht viele, meine Phantasie ist davon bevölkert. Wobei: Um Spannung zu erzeugen und den Leser bei Laune zu halten, muss immer auch ein Schurke auftreten. Auch den zu erfinden macht großen Spaß, ist für mich aber schwierig, weil ich die Welt gerne gut und schön hätte. So schön wie das 4:0 am Samstag – denn dafür musste natürlich Zeit sein. Leider vergingen diese Tage wie im Fluge. So wie es immer ist, wenn sie angefüllt sind mit interessanten Dingen. Morgen geht es wieder zurück in meinen Hamburger Alltag. Diese Tage kann mir aber niemand nehmen. Ich habe sie erlebt und sie sind in meinem imaginären Schatzkästlein aufbewahrt.
Lesung in Hamburg
Mittwoch, 30. Juni 2010
Für alle, die noch nicht wissen, was sie an den fußballfreien Tagen tun sollen, habe ich einen Tipp: Morgen (Donnerstag, 1. Juli) lesen Heike Herrmann, Heidrun Köllner und ich Texte aus dem Buch "Blinde Schönheit". Die Lesung beginnt um 19 Uhr auf der Flussschifferkirche in Hamburg. Nähere Informationen gibt es hier.
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