Ich
verreise gerne und trotzdem sind Reisen immer mit Aufregung
verbunden. Es heißt ja nicht ohne Grund „Reisefieber“ und
wahrscheinlich sind Blinde davon noch mehr betroffen als Sehende.
Die
kommenden Tage werde ich in Berlin verbringen. Zusammen mit meiner
Begleitung wurde ich von der „Aktion Mensch“ eingeladen. Die
Reise in die Hauptstadt ist der 1. Preis, den ich beim
Schreibwettbewerb „Ein Brief an die Zukunft gewonnen habe“. Wer
meinen Brief lesen möchte,
findet ihn hier:
Der
Koffer steht schon längst gepackt und gleich werde ich zum
Bahnhof fahren, wo ich mich in altbewährter Weise mit Matthias
in der Bahnhofsmission treffen werde. Wenn ich sage in altbewährter
Weise, dann ist das fast untertrieben, denn mit Matthias und seiner
Frau Monika habe ich schon die halbe Welt unsicher gemacht: Karibik,
Dubai, Australien – Berlin sollte also kein Problem sein. Und
dennoch: Als blinder Mensch ist man gerade auf Reisen voll und ganz
auf Andere angewiesen. So sitzt man dann am verabredeten Treffpunkt
und wartet. Kein Sehender kann sich vorstellen, wie es einem dabei
geht. Die Gedanken fangen unwillkürlich an zu kreisen. Wird das
Flugzeug aus Zürich mit Matthias an Bord pünktlich in
Hamburg landen? Was ist, wenn es überhaupt nicht starten konnte?
Vielleicht ist in Zürich ja dichter Nebel? Immer überlegt
man, wie man mit der größten anzunehmenden Katastrophe
umgehen sollte. Wobei es für eine blinde Frau wie mich in diesem
Fall nur eine Alternative gibt: Sollte mein Begleiter aus welchen
Gründen auch immer nicht am Treffpunkt eintreffen, bliebe mir
nichts anderes übrig, als in meine Wohnung zurück zu fahren
und auf eine Nachricht zu warten. Im Prinzip wäre ich dann zur
Untätigkeit verdammt. Alleine könnte ich auf keinen Fall
nach Berlin reisen. Diese Unsicherheit macht es blinden Menschen
unmöglich, mit Unpünktlichkeit in der gleichen lockeren
Weise umzugehen wie so mancher sehende Zeitgenosse. Als Blinder ist
man darauf angewiesen, dass der Sehende zum verabredeten Zeitpunkt am
vereinbarten Ort erscheint. Vor allem gilt das in einer fremden
Umgebung, in der man sich ohne die sehende Begleitung sehr unsicher
fühlen bzw. nicht zurecht finden würde.
Wie
fast immer werde ich mir diese Gedanken heute ganz umsonst machen.
Matthias wird mich nicht versetzen. Ich sollte versuchen, mich auf
erlebnisreiche Tage zu freuen.