Alle Jahre wieder folgt eine Weihnachtsfeier der anderen. So ist das, wenn man zwar alt und blind, aber dennoch aktiv ist. Dazu kommen Weihnachtskonzerte und Begegnungen mit Weihnachtsengel. Aber der Reihe nach.
Konzerte besuchte ich zwei in den letzten Tagen. Ein schönes von Amateuren gestaltetes Chorkonzert in meiner proppenvollen Gemeindekirche mit dem typischen Weihnachtsprogramm. Und ein großartiges klassisches Konzert der Hamburgphilharmonie, zu dem mich Bekannte eingeladen hatten. Zuvor genossen wir Kaffee und Kuchen im Arkadencafé direkt an der Alster, bummelten dann über den Weihnachtsmarkt auf dem Rathausplatz, der erfreulich traditionell und kitschfrei daherkommt, und gingen dann zur Laeiszhalle. Auf dem Programm stand das 4. Symphoniekonzert der Hamburger Symphoniker unter der Leitung von Fabien Gabel und dem Solisten Francesco Tristano am Piano. Aufgeführt wurden:
Maurice Ravel: Valses nobles et sentimentales
Sergej Prokofjew: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 G-Dur op. 55
Claude Debussy: Fantasie für Klavier und Orchester
Sergej Prokofjew: Auszüge aus »Romeo und Julia«
Es war ein faszinierendes Erlebnis, den großen Klangkörper mit Stücken zu hören, in denen er auch zur Geltung kam. Rhythmisch, manchmal laut, immer beeindruckend.
Gestern traf ich dann meinen Weihnachtsengel. Nach einer Weihnachtsfeier - wie könnte es anders sein - bummelte ich mit einer Bekannten noch durch ein Einkaufszentrum auf der Suche nach einer ganz bestimmten Tasche, die wir auch fanden. Anschließend brachte mich meine Begleitung zur Bushaltestelle. Es kam, wie es meistens kommt, wenn in Hamburg drei Schneeflocken vom Himmel rieseln. Das Chaos trat ein. Ich hatte mich gerade im Bus auf meinen Platz gesetzt, als durchgesagt wurde, dass die Linie ausnahmsweise schon früher enden würde. An einem mir weitgehend unbekannten Busbahnhof sollte ich also umsteigen. Mir entfuhr ein Seufzer, den mein Engel hörte. Er hatte die Gestalt einer jungen Systemprogrammiererin auf dem Weg zu einer Buchhandlung, wo sie sich mit Lesestoff für die Feiertage eindecken wollte.
»Sie brauchen doch jetzt sicher Hilfe«, sagte sie und berührte mich leicht am Arm.
Die junge Dame setzte sich mit mir ins Wartehäuschen. Wir plauderten über Bücher und über dütt und datt. Die Wartezeit verging angenehm, auch wenn sie lang war. Denn wegen des Schnees (s.o.) hatten alle Busse ellenlange Verspätungen. Es dauerte sage und schreibe eine Dreiviertelstunde, ehe mein Anschlussbus endlich um die Ecke bog. Mein Schutzengel war die ganze Zeit neben mir geblieben und jetzt brachte sie mich noch in den Bus. Als er anfuhr, winkte ich vorsichtig aus dem Fenster. Vielleicht hat der Engel ja zurückgewunken. Ich weiß es nicht. Ich konnte es ja nicht sehen.