Seit Jahrzehnten betreibe ich Öffentlichkeitsarbeit. Ganz praktisch. Immer wieder nehme ich Einladungen an und erzähle dann aus dem ganz normalen Alltag einer Blinden. So auch diese Woche auf Bitte der Kolpingfamilie der Hl. Kreuz Gemeinde in Neuwiedenthal. Über dreißig Gäste waren gekommen, um mir zuzuhören. Obwohl so viele Jahre seit meinen ersten Vorträgen vergangen sind, haben sich die Fragen, die anschließend gestellt werden, kaum geändert. Meistens geht es um die Bewältigung des Alltags und die Frage, wie ich Dinge so genau beschreiben könne, wo ich sie doch nicht sähe. Es ist für einen Sehenden tatsächlich schwer vorstellbar, wie man ohne Augenlicht in der Welt zurechtkommt. Ich hoffe, dass ich es ihnen etwas erklären kann. Mir ist es wichtig, dass sie verstehen, dass mein Leben nicht trist und traurig ist. Dabei male ich sicher manchmal zu bunt, und sei es nur, um Mitleid zu vermeiden. Es freut mich, wenn in meinem Vorträgen gelacht wird. Deshalb habe ich auch nicht berichtet, wie es mir auf dem Weg zu dieser Veranstaltung ergangen ist. Ich hatte die Bahnhofsmission gebeten, mich um 15:15 Uhr auf dem U-Bahnsteig abzuholen und zur S-Bahn zu bringen. Ich stieg pünktlich aus dem Zug und niemand erwartete mich. So stand ich da, mitten auf einem belebten U-Bahnhof. Um mich herum liefen Menschen, redeten, lachten - und ich fühlte mich einsam und verlassen. Fünf schreckliche Minuten, die sich zur Ewigkeit dehnten, musste ich warten, ehe mich der Mitarbeiter Bahnhofsmission ansprach. Es tat mir hinterher leid, dass ich ihn erregt anblaffte, warum er mich hier so lange stehen ließ. Auf seinem Zettel stand, ich käme »gegen« viertel nach drei an. Dieses kleine Wörtchen »gegen« hatte also dazu geführt, dass ich mir meiner Abhängigkeit von anderen Menschen wieder einmal auf unangenehme Weise bewusst wurde. Die weitere Fahrt verlief zum Glück problemlos und so konnte ich den Zuhörern am Abend wieder fröhlich über meinen Alltag erzählen. So sollte es sein.