Im Laufe des Jahres gibt es immer wiederkehrende Ereignisse. Das ist gut, denn Überraschungen gibt es genug - im Prinzip mag ich so sogar - und der Mensch braucht Fixpunkte. Ein solcher ist die jährliche Bibelfreizeit des Christlichen Blindendienstes, die in diesem Jahr unter dem Motto »Neuanfänge« stand. Ein interessantes Thema, mit dem wir uns meistens vormittags in Gruppenarbeit beschäftigten. Neuanfänge gibt es viele - in der Bibel wie im Leben. Und Neues entdeckten wir auch bei den Ausfahrten an den Nachmittagen. Etwa im Müritzeum, einem Haus der Superlative. Stolz thront das mit verkohltem Lärchenholz verkleidete Haus der 1.000 Seen am Rande der Warener Altstadt. Mit seiner einmaligen Architektur taucht es imposant aus dem kleinen Herrensee auf, um seine Gäste schon von Weitem zu begrüßen. Im Innern beherbergt es ein sehr interessantes Naturerlebniszentrum mit Deutschlands größtem Süßwasseraquarium. Zwei Installationen fand ich besonders spannend:
In einem dunklen Raum wird man in den Wald bei Nacht versetzt. Man hört das Rascheln der Blätter, das Zirpen einiger Vögel, das Rufen des Uhus usw. Hier haben Sehende einmal keinen Vorteil. Obwohl: Leuchtet man mit einer Taschenlampe an eine Wand, sieht man das Bild eines Tieres und hört die dazugehörenden Geräusche.
Die zweite Installation ist ein Pult, auf dem man Knöpfe drücken kann. Dann erscheint das Bild eines Vogels und man hört seinen Gesang.
Nachmittags tranken wir dann Kaffee im Garten des Künstlers Franz Poppe, dessen Plastiken und Keramiken in ganz Mecklenburg-Vorpommern und darüber hinaus zu sehen sind.
Ein weiterer Ausflug führte nach Ankershagen ins Heinrich-Schliemann-Museum. Die Führung war sehr interessant, weil auf uns Blinde abgestimmt und natürlich bestiegen wir danach das »Trojanische Pferd«, das vor dem Museumsgebäude steht. Kaffee und Kuchen gab es dann im Café Storchennest - samt Vortrag über das Leben von Meister Adebar.
Für mich besonders interessant war der Ausflug nach Neustrelitz. Schließlich ist das dortige Schloss die Hauptresidenz des (Teil-) Herzogtums Mecklenburg-Strelitz und Sitz der (Groß-) Herzoglichen Familie, aus der die preußische Königin Luise stammte, nach der meine Schule benannt war. Zu sehen ist von dem Schloss allerdings nichts mehr, es wurde zurückgebaut, wie man Abriss im DDR-Jargon nannte. Trotzdem war die Stadtführung sehr informativ und interessant und im Anschluss erwarb ich eine Medaille, die zum 200 Todestag im vergangenen Jahr erschienen ist.
Zum Abschluss dieses Tages machten wir noch einen Abstecher ins nahe gelegene Slawendorf. Etwa vom 7. Jahrhundert bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts wurde Mecklenburg - Vorpommern von slawischen Stämmen besiedelt. Noch heute zeugen Ortsnamen vom Slawischen Einfluss. In Erinnerung an diese Zeit wurde im November 1994 mit dem Bau des Slawendorfes Neustrelitz am Zierker See begonnen.
Das Areal von 1,4 ha wird zur Landseite durch einen aus ca. 1300 Baumstämmen bestehenden Palisadenzaun und zur Seeseite durch einen ca. 180m langen Flechtzaun begrenzt.
Auf dem Gelände befinden sich zahlreiche unterschiedliche gestaltete Gebäude und Unterstände. In der Kulthalle befindet sich eine kleine Ausstellung. Vom Wachturm hat man eine schöne Aussicht auf den Zierker See.
Ein besonderes Vergnügen war der Besuch im Fritz-Reuter-Literaturmuseum in Stavenhagen. Ehemals Stavenhagens Rathaus, in dem der Vater Reuter fast 40 Jahre lang als Bürgermeister arbeitete und lebte, wurde das Museum 1949 gegründet, schrittweise Erweiterungen gab es 1954 und 1960.
Heute bewahrt das Museum eine umfangreiche Sammlung von Reuters Handschriften, Dokumenten und Sachzeugen seiner Zeit und eine Fachbibliothek mit einem Bestand von etwa 15000 Bänden. Ich liebe plattdeutsche Literatur und so war es ein Vergnügen, etwas aus dem Leben des Literaten zu hören, vor allem aber einigen seiner Texte zu lauschen.