Während im Rheinland und in Süddeutschland die Narren toben, gedenkt man in Hamburg der großen Sturmflutkatastrophe im Februar 1962. Ich kann mich noch gut daran erinnern. Mein Mann ging am Morgen des 16. Februar, es war ein Freitag, noch wie jeden Tag zur Arbeit. Draußen tobte wie die ganzen Tage zuvor ein heftiger Sturm, aber damals ließ man sich von so etwas nicht abhalten. Arbeit ist Arbeit und Schnaps ist Schnaps, sagte man und meinte, dass jeder ohne darüber nachzudenken einfach seine Pflicht erfüllte. Davon konnte einem doch so ein bisschen Wind nicht abhalten. Es ahnte ja auch niemand, was aus dem Sturm noch werden sollte. In der folgenden Nacht erreichten die Orkanböen bis 200 Kilometer pro Stunde und meterhohe Wassermassen ließen die Deiche an der Küste, an der Elbe und der Weser brechen. Am schlimmsten traf es die Millionenstadt Hamburg. Ganze Stadtteile standen unter Wasser. Wir kamen zum Glück unbeschadet davon, lediglich die Gas- und Wasserversorgung brach zusammen. 315 Menschen aber verloren ihr Leben und über 60.000 Bewohner vor allem in den südlich der Elbe gelegenen Stadtteilen wurden obdachlos. Ich erinnere mich noch, welche Welle der Hilfsbereitschaft sofort einsetzte. Zum einen in den Familien, auch die Eltern meines Mannes nahmen ohne Zögern obdachlos gewordene Familienangehörige auf, aber auch in der ganzen Stadt, wo Fremden Obdach gewährt und Hilfsgüter gesammelt und verteilt wurden. Man stand zusammen in der Stunde der Not? Wäre das heute auch so? Ich will es hoffen, auch wenn ich meine Zweifel daran habe.
So viel hat sich geändert in den letzten 50 Jahren. Womit ich zum Anfang zurückkomme und damit auf die Karnevalssitzung „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht.“ Was war das früher für ein Ereignis! Man traf sich im Familien- oder Freundeskreis. Die Salzstangen standen auf dem Tisch, die Luftschlangen waren um die Lampe drapiert und die Bowle, angesetzt mit Kellermeister-Sekt, stand kalt. Man amüsierte sich köstlich über die Auftritte des „Bajazz mit der Laterne“ oder des Till Eulenspiegel, die den Mächtigen auf nachdenkliche Weise und mit literarisch wohlgefeilten Sätzen den Spiegel vorhielten. Und heute? Ich langweilte mich vor dem Fernseher ob der schalen Witze und platten Scherze. Liegt es tatsächlich am gesunkenen Niveau der Karnevalisten oder bin ich einfach verwöhnt, weil ich im Gegensatz zu früher immer wieder und das ganze Jahr über hochkarätiges Kabarett im Radio hören kann?
Wie dem auch sein, sowohl die Erinnerung an die Flutkatastrophe wie an schöne Abende vor dem Fernseher führten mir erneut vor Augen, wie kurz das Leben ist. Ein Fingerschnippen - und schon ist es vorbei. Selbst wenn ich 100 Jahre alt werde, bleiben mir jetzt gerade einmal noch 18 ½ Jahre. Was ist das schon! Nur ein Atemzug. Und was folgt daraus: Man - nein: ICH sollte jede Minute bewusst leben.