Was ist das Schlimmste an der Blindheit? Da ließe sich viel aufzählen. Was der Verlust der optischen Welt für einen Menschen bedeutet, lässt sich nur schwer mit Worten beschreiben und ist von einem Sehenden nur zu erahnen. Für mich persönlich ist aber die aus der Behinderung resultierende Abhängigkeit am bedrückendsten. Immer wieder wird mir vor Augen geführt, dass ich auf Gedeih und Verderb auf andere Menschen angewiesen bin. In dieser Woche geschah das wieder auf sehr drastische Weise. Jeden Dienstagmorgen, an dem ich nicht gerade auf Reisen bin, bekomme ich die Unterstützung einer Einkaufshilfe. In der Regel sind das junge Menschen, die beim Blindenverein ihr freiwilliges soziales Jahr absolvieren, früher waren es auch oft Zivildienstleistende. Es gibt jede Woche eine umfangreiche Liste, die abgearbeitet werden muss. Einkaufen, Geld bei der Postbank abheben, eventuell Überweisungen und andere Geldgeschäfte bei der Sparkasse erledigen, die in den vergangenen Tagen eingegangene Post sichten und lesen und, und, und. Meistens müssen wir uns beeilen, damit wir alles schaffen. Wie gesagt, jeden Dienstag. Nur diese Woche nicht. Da bekam ich einen Anruf, dass es aus diesen oder jenen Gründen nicht klappe und meine Begleitung schon am Montagnachmittag kommen müsse. Das passt mir gar nicht und ich war wütend und ließ das die Mitarbeiterin des Blindenvereins auch spüren, was mir im Nachhinein leid tat. Aber ich war sauer - und das zu Recht. „Mit mir glaubt ihr es machen zu können“, sagte ich, „weil Ihr denkt, Ruth, die ist flexibel genug, die kriegt das schon hin.“
Das mag ja auch stimmen, aber ich hatte schon eine Vorahnung und es kam, wie es kommen musste.
Wir gingen also am Montagnachmittag los. Zuerst zur Post. Ich wollte Geld abheben, aber der Computer streikte. Nun gut, das hätte auch am Dienstagmorgen passieren können. Was dann aber folgte ... Der Fischladen, in dem ich jede Woche einkaufe, hat montags geschlossen. In der Sparkasse, wo ich mich mit meinen Einkaufshelferinnen bzw. -helfern gerne hinsetze, um mit in aller Ruhe die wichtigste Post vorlesen zu lassen, wurden wir nach ein paar Minuten hinauskomplementiert. Feierabend! So schafften wir es nur, im Supermarkt einzukaufen. Alles andere blieb unerledigt. Mancher mag jetzt denken: was regt sie sich darüber auf. Geht sie eben ein anderes Mal in den Fischladen. Nein! Geht sie nicht! Denn ich kann nicht alleine mal eben einkaufen gehen. Ohne diese Hilfe bin ich aufgeschmissen. Diese Abhängigkeit von anderen Menschen ist für mich das dunkelste Kapitel des Lebens mit der Blindheit. Wie oft ich das schon verflucht habe. Aber ändern kann ich es nicht.