In den vergangenen Wochen und Monaten habe ich intensiv geschrieben. Denn obwohl mein Buch „echt blind“ erst Ende des vergangenen Jahres publiziert wurde, ist schon ein neues Projekt geplant und wird im Frühsommer in den Buchhandlungen liegen. Genaueres darf ich jetzt noch nicht verraten. Deshalb möchte ich auf eine andere Frage eingehen, die mir häufig gestellt wird: Wie schreibst du eigentlich? Die Antwort lautet: sehr altmodisch. Dazu muss ich etwas ausholen. 1951 besuchte ich die Blindenstudienanstalt in Marburg und sollte dort auf der Höheren Handelsschule mein Fachabitur erwerben. Mein Vater war gerade aus der Gefangenschaft zurückgekehrt und finanziell war unsere Familie nicht auf Rosen gebettet. Zum Glück bekam ich ein Stipendium der Stadt Bielefeld. Es umfasste das Schulgeld, die Unterbringungskosten im Internat und ein Taschengeld von 15 Mark im Monat. Außerdem erhielt ich leihweise eine Blindenschriftmaschine für Papierbögen, eine Blindenschrift-Stenomaschine und eine Triumpf Reiseschreibmaschine.
Die erste Zeit in der Schule war hart, denn ich musste die Brailleschrift, Steno und das Tippen auf der Schreibmaschine von der Pike auf lernen. Dazu kamen noch alle anderen Fächer. Ich schaffte es aber und war bald so gut, dass ich an Wettbewerben des örtlichen Steonographenvereins teilnahm und mich mit Sehenden messen konnte. In der Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer schaffte ich 120 Steno-Silben in der Minute und 239 Anschläge auf der Schreibmaschine.
Als Belohnung für meine guten Prüfungsleistungen schenkte mir die Stadt Bielefeld die drei Maschinen. Ob der zuständige Sachbearbeiter wohl ahnte, dass die Geräte noch 60 Jahre später treu ihren Dienst versehen?
Bis heute schreibe ich einen Text zunächst mit der Braille-Stenomaschine. Anschließend lese ich ihn mir mehrmals durch, ehe ich ihn mit der Schreibmaschine in Schwarzschrift übertrage. Beim Übertragen bearbeite ich ihn, schreibe manches um und freue mich, wenn mir noch bessere Formulierungen einfallen. Dieser Teil der Arbeit macht mir am meisten Spaß. Zum Glück wurden wir damals in Marburg gedrillt, fehlerfrei zu schreiben. Ich spüre jedes Mal, wenn ich mich vertippt habe, kann den Fehler aber nur durch „Überschreiben“ korrigieren, denn so etwas Neumodisches wie ein Korrekturband hat mein altes Triumpf-Schätzchen natürlich nicht. Anschließend lasse ich mir den Schwarzschrifttext von einem Sehenden vorlesen, der ihn gleichzeitig noch einmal überprüft.
Natürlich könnte ich moderne Technik wie einen sprachgesteuerten Computer einsetzen. Schneller wäre ich damit vermutlich auch nicht. Und warum soll man eine Arbeitsweise, die sich in 60 Jahren bewährt hat, ohne Not ändern. Also klappern bei mir noch Museumsstücke. Zumindest so lange, wie sie noch gewartet werden. Übrigens von einer Firma mit dem schönen Namen „Heilig & Heilig“. Nomen es Omen.