Tropisches Paradies
Donnerstag, 26. November 2009
Heute waren wir den ganzen Tag mit Dave unterwegs. Er kutschierte uns in seinem Taxi acht Stunden um die gesamte Insel und erklärte dabei unentweg und freundlich, was es an Wegesrand zu sehen und bestaunen gab.
Am beeindruckensten waren die Bäume, Pflanzen und Früchte, die ich noch nie zuvor gesehen habe und die ich allesamt ausgiebig und in aller Ruhe befühlen konnte. Der Einfachheit halber zähle ich sie am besten auf:
Schon auf dem Hotelgelände steht ein „Kanonenkugelbaum“, dessen Früchte einen Durchmesser von rund 30 Zentimeter haben. Sie sind geformt wie eine Kanonenkugel.
Überall auf der Insel stehen sogenannte „Regenschirmbäume“. Sie sind zwar wohl schön anzusehen, sollen aber in den nächsten Jahren alle gefällt werden, denn diese aus Asien eingeführten Bäume bedrohen durch ihren enormen Durst die heimischen Arten.
Der Jackfruittree trägt riesige Früchte, die so groß werden wie ein Kürbis.
Auch die Brotfrüchte des gleichnamigen Baumes sind wahre Riesen, im Gegensatz zur Jackfruit allerdings nahezu kugelrund. Da die grasgrünen Früchte zu hoch hingen, pflückte mir Dave eine und brachte sie zum Auto.
„Seien Sie vorsichtig, Madame“, sagte er. „Die Frucht weint.“
Tatsächlich lief eine klebrige Flüssigkeit aus der Bruchstelle des Stils.
Wesentlich kleiner sind die Mangos, die ich schob früher einmal befühlt hatte.
Neu für mich waren die Papaya, auch wieder ziemlich groß, obwohl die Früchte noch nicht reif waren.
Sternfrüchte kannte ich bisher ebenfalls nur in aufgeschnittenem Zustand, die ganze Frucht ist größer als ich gedacht hatte.
Ein Höhepunkt war ein Kakaostrauch. Wieder pflückte Dave eine Frucht ab. Die Bohne nahm ich mit ins Hotel, um sie genau zu untersuchen. Sie fühlt sich fast an wie eine große Gurke, sieht aber ganz anders aus mit ihrer rötlichen Färbung.
Dave zeigte uns auch einen Baumwollbaum, wobei Baumwolle natürlich auch auf den Seychellen an Sträuchern wächst, aber die Frucht dieses Baumes sieht der echten Baumwolle täuschend ähnlich. Baumwolle habe ich übrigens in jungen Jahren während des Biologieunterrichtes noch gesehen und ich kann mich gut an Form und Farbe erinnern.
Unterwegs kehrten wir im Café einer Teeplantage ein. Verpassen konnte man diese Plantage kaum, denn an der Einfahrt waren eine Teekanne und -tasse für Riesen aufgestellt. 100 Liter hätten bestimmt hineingepasst. Ich probierte einen Orangentee, der mir auch gut schmeckte.
Auf der Fahrt hielt Dave immer wieder an, um uns Blätter oder Zweige zu holen: Zimt, Zitronengras, Pfeffer. Zum Schluss fuhren wir zum Jardin du Roi, was man uns als Gewürzgarten angekündigt hatte. Tatsächlich war es eher ein naturbelassener botanischer Garten. Es hätte drei Stunden gedauert, alles anzuschauen und den eigentlichen Gewürzgarten konnte man nur über 75 Natursteinstufen erreichen. Darauf verzichteten wir, zumal wir schon viele Stunden unterwegs waren und ausgerechnet heute der heißeste Tag unserer Reise war. Stattdessen erfreuten wir uns an den Orchideen. Eine hatte Blätter, die sich wie ein Bleistift anfühlten. Die Vetation ist überall von einer Farbenpracht unbd Üppigkeit, die in Europa undenkbar ist. Das ist die positive Seite des tropischen Klimas, das mich schon manchmal sehr belastet.
Wieder im Hotel dauerte es schon eine Weile, ehe ich mich von den Strapazen erholt hatte. Aber dann wurde ich mit dem extra für mich angerichteten „Gourmetmenü“ belohnt: Currywurst mit Kartoffelsalat. Was heißt hier Currywurst, die Mehrzahl wäre angebracht. Der Koch gestand mir später, dass in einer Packung drei Würstchen waren und er mir natürlich alle drei braten ließ. Ansonsten hätte er sie wegwerfen müssen. Abends setzten wir uns noch für eine Stunde in die Bar. Leider spielte die Livemusik nur noch drei Stücke und mein Mocktail war ein eher geschmackloser Saft, was den tollen Tag aber nicht trüben konnte.
Morgen fliegen wir nach Dennis Island. Ganz sicher wird das ein besonderes Erlebnis, denn die Insel ist klein und es gibt dort nur dieses eine Hotel. Es warten also sechs Tage Sonne, Sand und kristallklares Meer auf uns. Ich verspreche, dass ich dann auch endlich einmal darin schwimmen werde. Bloggen allerdings werde ich wohl kaum, denn ich glaube nicht, dass wir dort einen hinreichenden Internetzugang haben werden. Den Abschlussbericht meiner Reise wird es also erst dann geben, wenn ich wieder daheim bin.
Hauptstadt - ganz klein
Mittwoch, 25. November 2009
Auch gestern blieben wir in der Hotelanalage. Das fällt nicht schwer, denn sie ist sehr weitläufig und es gibt verschiedene Stellen, an denen man sitzen und die phantastische Aussicht auf das Meer mit den vorgelagerten, kleinen Inseln genießen kann.
Heute vormittag las Matthias ein weiteres Kapitel aus John Izzos Buch „Die fünf Geheimnisse, die Sie entdecken sollten, bevor Sie sterben“ vor.“ Außerdem arbeiteten wir an einer Geschichte für den Arbeitskreis blinder Autoren (Blautor), in dem ich Mitglied bin.
Nachmittags ließen wir uns mit einem Taxi nach Viktoria bringen, die Hauptstadt der Seychellen. Wir schlenderten durch diese Kleinstadt, in der immerhin rund 60.000 der 80.000 Seychellois leben. Es ist eine recht gemütliche Stadt, auch wenn es selbst hier bei Büroschluss einen Verkehrsstau gibt. Dafür steht nur eine einzige Ampel an der zentralen Kreuzung. Wir gingen in einige Geschäfte und ich erstand eine wunderschöne Holzkette. Auf dem Markt waren nur noch wenige Waren vorhanden, das meiste war ausverkauft.
Wir setzten uns in ein Café und ich trank einen herrlich schmeckenden, frischen Passionsfruchtsaft. Dabei ließen wir die Eindrücke Revue passieren. Dank Monika und Matthias, die mir so viel wie möglich so datailiert wie möglich beschreiben, kann auch ich mitreden.
Der Taxifahrer holte uns am Uhrturm wieder ab. Die Uhr schlägt übrigens als einzige auf der Welt die volle Stunde zwei Mal an. Sie wiederholt den Schlag nach einer Minute.
Beim Abendessen kam der deutsche Küchenchef an unseren Tisch. Er heißt Tim Thivessen und stammt aus Telgte, also Monikas und Matthias` Nachbarschaft. Wir unterhielten uns über verschiedene Hotels auf den Seychellen und kamen auch auf die luxuriöse Privatinsel „North Island“ zu sprechen, wo die Übernachtung 5.000 Euro pro Person und Tag kostet.
„Dafür steht Ihnen da aber auch rund um die Uhr ein Privatkoch zur Verfügung“, meinte Tim.
„Der wäre bei meiner Lieblingsspeise Würstchen mit Kartoffelsalat doch etwas unterbeschäftigt“, meinte ich lachend.
„Wenn es eine Currywurst statt einer Bockwurst sein darf, kann ich Ihnen das morgen auch bieten.“
Darauf bin ich jetzt wirklich gespannt. Heute bekam ich als Nachspeise schon drei Kugeln selbst gemachtes Eis. Wunderbar!
Auch mit dem Food and Beverage Manager, einem gesprächigen Salzburger, unterhielten wir uns ausführlich.
Hotelzimmerexpedition
Montag, 23. November 2009
Blind Date
Samstag, 21. November 2009
Die Fahrt ist kurz, nach zehn Minuten biegt der Fahrer auf ein Rasengrundstück neben der Kirche des kleinen Küstendorfes ein und hält vor der Veranda eines weiß gestrichenen Hauses. Mrs. Collie erwartet uns bereits an der Tür. Das Radio beschallt den Raum mit Nachrichten in großer Lautstärke. Wie immer, wenn man ein fremdes Haus betritzt, dessen Besitzer man ausserdem nicht kennt, stellt sich zunächst ein Gefühl der Unsicherheit ein. Nach der Begrüßung gehen wir den Wohnraum und stellen die Stühle, die allesamt an der Wand aufgereiht sind, zu einer Sitzgruppe zusammen. Maryse, unsere Dolmetscherin, stellt uns vor und ich frage Mrs. Collie zunächst nach ihrem Alter und ihrer Familie.
„Ich bin 61 Jahre alt und lebe seit einigen Jahren ganz allein in diesem Haus. Vorher war mein Bruder bei mir, aber er ist vor einigen Jahren gestorben.“
Man merkt der Dame an, dass es sie immer noch bewegt, von ihrem Bruder zu sprechen, der wahrscheinlich ihr Halt im Leben war.
Mrs. Collie fährt fort: „Meine Eltern hatten sechs Kinder, 4 Mädchen und zwei Jungs. Drei meiner Schwestern leben heute in Australien, die können mich nur alle drei Jahre besuchen. Zum Glück habe ich noch 2 Geschwister auf Mahé, aber auch sie schaffen es nur alle paar Wochen, vorbeizukommen.“
„Haben Sie denn Freunde im Dorf?“, frage ich.
„Ja, der Nachbar, er ist ein guter Freund. Wir sitzen oft abends, wenn es kühler wird, draußen auf der Veranda und er berichtet mir den neuesten Dorfklatsch.“
Im Raum steigt die Temperatur von Minute zu Minute. Maryse fächert sich mit der flachen Hand bereits Luft zum, um sich wenigstens etwas Abkühlung zu verschaffen. Als ich auf die stickige Luft im Zimmer zu sprechen komme, sagt Mrs. Ruby:
„Im nächsten Jahr bringt mir eine Schwester aus Australien eine Klimaanlage mit. Dann kann ich es mir an richtig heißen Tagen erträglicher machen im Haus. Nicht so kalt wie in den Hotels“, fährt sie lachend fort, „so viel Strom darf ich nicht verbrauchen, das kann ich mir nicht leisten.“
Ich nehme den Hinweis auf:
„Bekommen Sie staatliche Unterstützung?“
Mrs. Collie nickt:
„Ja, 2100 Seychelles Rupies im Monat“. Das entspricht etwa 140 Euro.
„Kommen Sie damit aus?“, frage ich skeptisch.
Anscheinend hat sie die Frage verstanden, denn sie wartet gar nicht erst auf Maryse Übersetzung.
„Natürlich nicht! Das ist viel zu wenig. Das Geld reicht gerade, um die nötigsten Lebensmittel auf dem Markt zu kaufen, aber nicht für Gas und Strom. Zum Glück unterstützen mich meine Geschwister, sonst sähe es schlecht aus.“
Zum ersten Mal ereifert sich die blinde Dame.
„Und wissen Sie was. Jetzt ist ja alles noch gut, denn im nächsten Jahr stehen Wahlen an. Da sorgt die Regierung dafür, dass die Rupie im Vergleich zu fremden Währungen stark ist. Wenn die Wahlen vorbei sind, wird sie fallen und dann wird alles noch viel teurer.“
Geld ist auch hier ein heikles Thema, also reden wir besser über etwas unverfängliches.
„Sind Sie hier auf Praslin zur Schule gegangen?“
„Ja, aber nur zu Primaryshool und dort auch nur drei Jahre. Dann merkte man, dass ich nichts auf der Tafel lesen konnte und weil es damals noch keine Schule für Behinderte auf unserer Insel gab, war es das für mich mit dem Schulbesuch. Heute wäre es besser. Auf Mahé gibt es sogar eine Blindenschule“.
„Also haben Sie auch nie gelernt, den weissen Blindenstock zu benutzen, oder Brailleschrift zu lesen.“
Mrs. Collie schüttelt mit dem Kopf und Ruth drückt ihr ihren Langstock in die Hand.“
„Wenn ich sonntags zur Kirche gehen, nehme ich einen Regenschirm und taste damit nach Schwellen und Stufen“, sagt die Seychellois und reicht Ruth den Stock zurück.
„Sie gehen also jeden Sonntag zur Kirche?“
„Auf jeden Fall.“ Mrs. Collie setzt sich aufrecht auf ihrem Stuhl zurecht. „Sonst würde etwas Wichtiges in meinem Leben „sprechende“ Uhr. So etwas hat sie anscheinend noch nicht gesehen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie noch einen kleinen Sehrest auf einem Auge hat. Wenn sie ihre Uhr mit der großen Digitalanzeige unmittelbar vors Gesicht hält, kann sie die Zeit noch ablesen.
Matthias fragt nach einem vergilbten Bild an der Wand, auf dem ein Priester und mehrere Menschen vor einer kleinen Kirche stehen.
„Das ist meine Ur-Ur-Urgroßvater. Er war Priester und baute 1904 die erste Kirche in Grande Anse“.
Mich interessiert vor allem der Alltag einer blinden Frau auf den Seychellen.
„Was tun sie den ganzen, lieben Tag?“
„Nicht so viel. Morgens gehe ich in die Gesundheitsstation direkt in der Nachbarschaft und hole meine Insulinspritze. Am Vormittag kommt eine Haushaltshilfe. Auf den Seychellen werden Arbeitslose für soziale Hilfsdienste eingesetzt. Sie putzt und dann kocht sie für mich.“
„Was gibt es denn zu essen?“
„Nicht viel, mein Arzt sagt, ich soll abnehmen“, sagt Ruby lachend. „Hauptsächlich gibt es Gemüse und Kartoffeln. Und Fisch natürlich.“
Gegen Abend bekommt sie dann Besuch von einer Krankenschwester, die ihr die zweite Insulinspritze des Tages gibt.“
„Gehen Sie denn auch mal ins Theater oder ins Konzert?“
Ruby schüttelt den Kopf. „Ich höre den ganzen Tag Radio.“
Im Zimmer ist es inzwischen ganz und gar unerträglich geworden, heiß und stickig. Wir sind froh, als das Taxi vor dem Haus hält. Die Verabschiedung ist schon viel herzlicher als die Begrüßung. Obwohl es nur ein kurzes Treffen war, sind wir uns näher gekommen. Ruby winkt an der Tür, als wir davonfahren.
Ich denke noch lange über diese Begegnung nach. Es ist ein ziemlich eintöniges Leben, das Ruby Collie führt, so ganz ohne kulturelle Veranstaltungen. Oder zeigt sich hier weniger der Unterschied zwischen blindem Leben in Deutschland und den Seychellen als vielmehr der zwischen der Weltstadt Hamburg und dem kleinen Dorf Grande Anse.
Geburtstag
Samstag, 21. November 2009
Morgens hatten mich Monika und Matthias übrigens schon mit einem Geburtstagsständchen von der Computerfestplatte begrüßt. Beim Frühstück überreichten mir die Hotelangestellten eine Torte und am Nachmittag kam unser guter Geist Nelio mit einer Flasche Sekt. Mein Zimmer hatte er zuvor mit Frangipaniblüten geschmückt, was für ein wunderbarer, betörender Duft. Zuvor hatte ich immer gesagt, in meinem Zimmer rieche es in gewisser Weise „würdig“, was wahrscheinlich daran liegt, dass ausschließlich Naturmaterialien verarbeitet sind. Plastik ist in diesem Hotel verpönt.
Den Abend ließen wir dem Ereignis angemessen in der Bar bei einem Cocktail ausklingen. So saßen wir dort bis elf Uhr und erwischten gerade noch das letzte Clubcar, das uns zu unserem Zimmer brachte.
Angst vor der Welle
Donnerstag, 19. November 2009
Den Strand „Anse Georgette“ beschrieben mir meine sehenden Begleiter als traumhaft. Türkisfarbenes Wasser, blendend weißer Sand, Palmen und am Rand die für die Seychellen so typischen Granitfelsen. Wie der Vorhof zum Paradies.
Traumstrände
Dienstag, 17. November 2009
Heute mieteten wir uns ein Auto für eine Inselrundfahr. Wir umrundeten die Insel komplett. Matthias meisterte diese Herausforderung perfekt trotz Linksverkehr und zum Teil schlechter, mit riesigen Schlaglöchern übersäter Straßen. Für mich, wie wahrscheinlich für viele andere Blinde, sind Autofahrer große Künstler.
Unter anderem steuerten wir auch die Anse Lazio an, dieser Strand gilt als einer der schönsten der Welt. Leider war es auch heute stürmisch und die Wellen sicherlich anderthalb Meter hoch. Matthias wagte trotzdem ein Bad und war hellauf begeistert.
Abends waren wir zum Cocktailempfang des Hotelmanagements für neue Gäste eingeladen. Nichts herausragendes, allerdings spielte eine rechte nette Combo Volkslieder von den Seychellen.
Reisen heißt Warten
Samstag, 14. November 2009
Endlich landeten wir am frühen Nachmittag auf Mahe, der Hauptinsel der Seychellen. Am Ziel waren wir allerdings noch immer nicht. Stattdessen warteten wir wieder. Diesmal auf die Schnellfähre von Mahe nach Praslin. Nach der einstündigen Überfahrt bei zum Glück nur leicht bewegter See und einer halbstündigen Taxifahrt kamen wir endlich nach 26 Stunden im Hotel an. Fünf Herren des Managements standen Spalier, um uns zu begrüßen. Wir hatten gar keinen Sinn für solche Höflichkeiten, sondern waren froh, als wir unsere Villa beziehen konnten. Ich war von den Räumlichkeiten zunächst erschlagen. Im ersten Moment dachte ich: „Ruthchen, das ist so riesig und unübersichtlich, da wirst du in den kommenden Tagen keinen selbständigen Schritt tun können. In diesem Palast findest du nicht einmal alleine zur Toilette.“
Es kam dann aber, wie es meisten kommt. Wenn ich erst einmal alleine in einem mir fremden Raum bin, gehe ich alleine auf Tour und fühle alles zurecht und bald bewegte ich mich völlig sicher in meinem Zimmer. Viele Sorgen erweisen sich später als völlig unnötig. Aber als Blinde in einen fremden Raum gestellt zu werden, ist fast immer mit Ängsten verbunden.
Das Hotel hat uns einen Angestellten zur Verfügung gestellt, der quasi als Mädchen für alles fungiert. Nelio ist ein überaus freundlicher junger Mann, der stets zur Stelle ist, wenn wir irgendetwas brauchen. Vor allem fährt er uns mit einem etwas größeren Golfcar durch die riesige Hotelanlage.
Muschelmuseum
Dienstag, 10. November 2009
Gestern unternahmen wir einen Ausflug nach Cismar, einem alten Klosterdorf in der Nähe von Grömitz. Dort besuchten wir das „Haus der Natur“, das eine große Sammlung von Schnecken und Muscheln beherbergt. Mit mehr als 4000 ausgestellten Arten ist es Deutschlands größte Muschelsammlung.
Geführt wurden wir von einem pensionierten Meeresbiologen, der uns die Welt der Muscheln und Schnecken wunderbar nahebrachte. Wir konnten unzählige Muscheln befühlen und alle Fragen wurden beantwortet. Jetzt weiß ich sogar über das Liebesleben dieser Meerstiere Bescheid und dass sich Schnecken nicht nur im Schneckentempo vermehren, sondern durch Eier.
Nachmittags wollten wir im „Hotel zur schönen Aussicht“ in Grömitz Kaffee trinken. Es ist eines der wenigen Lokale, die zu dieser Jahreszeit geöffnet sind und bei schönem Wetter bietet es einen Panoramablick auf die Lübecker Buch, an dem sich unsere sehenden Begleiter hätten erfreuen können. Gestern aber war Schmuddelwetter und - viel schlimmer - der Lift, der zum Restaurant führte, war defekt. Also stiegen wir im Regen 160 Stufen hinauf. Abenteuerlich!
Wie gesagt: Mein Reisefieber steigt. Soll ich Ihnen sagen, wohin es am Freitag gehen wird? Auf die Seychellen!
Eine Blinde reist auf die Seychellen? Genau! Und ich freue mich darauf. Bis bald also, ich melde mich bestimmt von unterwegs.
Theaterbesuch
Freitag, 6. November 2009
Gestern war ich mal wieder im Theater und zwar im deutschlandweit bekannten Ohnsorg Theater. Weit weniger bekannt dürfte sein, dass dort nicht nur Schwänke und Komödien auf dem Programm stehen, sondern hin und wieder auch ernste Werke der Weltliteratur. Allerdings auf Plattdeutsch und deshalb hieß Gerhard Hauptmanns Drama „Vor Sonnenuntergang“ auch „Ehr de Sünn unnergeiht“.
Das Stück erzählt vom über 70 Jahre alten Geheimrat Matthias Clausen, der sich nach dem Tod seiner Frau in die gerade erst 19 Jahre junge Inken verliebt. Zum Entsetzen seiner Kinder will er sie heiraten. Zum einen ist Inken nicht standesgemäß und zum anderen fürchten sie um ihr Erbe. Der Familienpatriarch soll enterbt werden. Schlussendlich treibt die Familie mit ihren Intrigen Clausen in den Selbstmord.
Geboten wurde wirklich große Schauspielkunst, die mich sehr berührte. Selten habe ich im Theater so mit einer Figur gelitten wie mit Matthias Clausen. Die Geschichte wühlte mich derart auf, dass ich froh war, als der letzte Vorhang fiel. Noch lange nach Ende der Vorstellung fiel es mir schwer, die düsteren Gedanken über die Grausamkeit der Menschen loszuwerden.
So grandios die Inszenierung insgesamt war, fand ich trotzdem die plattdeutsche Sprache in vielen Fällen unpassend. Nur ein Beispiel. Als Inken sich bemühte, ihren Geliebten aufzubauen und ihm Mut zusprechen wollte, sagte sie: „Rappel die op! Rappel die op!“ Hier wird die Sprache der Dramatik der Situation eindeutig nicht gerecht. Aber Ohnsorg Theater und Plattdeutsch - das gehört nun einmal zusammen.
Blinde Schönheit - Das Hörbuch
Dienstag, 3. November 2009
Es ist schwierig, über ein Buchprojekt zu schreiben, an dem man selbst beteiligt ist. Zu leicht kann der Vorwurf erhoben werden, man wolle sich nur selbst loben. Trotzdem möchte ich meinen Lesern das Hörbuch „Blinde Schönheit“ ans Herz legen. Über das Projekt, aus dem das Buch entstanden ist, habe ich hier bereits berichtet.
Das Hörbuch „Blinde Schönheit“ versammelt authentische Texte von blinden oder erblindenden Frauen. Alle schreiben über ihren persönlichen Bezug zum Thema „Blindheit und Schönheit“.
Inhaltlich will ich nicht viel vorwegnehmen, da sollte sich jeder selbst ein Bild machen und das Buch hören. Was mir als Betroffene aufgefallen ist, sind die vielen Übereinstimmungen in den Lebensläufen. So verschieden die Kindheitsträume der Autorinnen waren, mit zunehmender Behinderung zeigen sich immer mehr Ähnlichkeiten. Wir haben uns zu wehren gegen Bevormundungen, wenn wir selbstbestimmt leben wollen. Wir haben zu kämpfen gegen die bemitleidenden Missachtungen nach dem Motto: „Sie kann ja nichts dafür, dass sie sich so eigenartig anzieht. Sie sieht es ja nicht.“ Wir - und das trifft uns Frauen mehr als Männer - müssen damit fertig werden, uns nicht mehr sehen zu können.
Hier zeigt sich, wie das Große - sprich die Gesellschaft und ihr Umgang mit der Behinderung - sich im Kleinen, Privaten spiegelt. Blind zu sein ist eben doch nicht nur einfach eine Eigenschaft wie blond zu sein.
In diesem Zusammenhang kam mir noch ein anderer Gedanke in den Sinn: Welche Geschichten wir wohl zu hören bekämen, stammten die Autorinnen nicht aus Deutschland, sondern aus aller Herren Länder? Eine spannende Frage, wie ich finde.
Aber auch so ist jeder Beitrag für sich genommen interessant und hörenswert. Manchmal gelangen wunderbare Bilder, z. B. wenn eine Autorin schreibt, dass der weiße Stock, richtig getragen, schöner und attraktiver machen kann als eine unvorteilhafte, hässliche Handtasche.
Allenfalls hätte ich mir neben den biografischen und eher dokumentarischen Beiträgen noch den einen oder anderen weiteren Text gewünscht, der sich dem Thema literarisch nähert. Vielleicht klappt das in einem zweiten Band, für den ich noch eine Anregung hätte, die zugegebenermaßen nicht ganz uneitel ist: Alle, die wir an diesem Projekt mitgearbeitet haben, sind mehr oder weniger Hobbyautorinnen. Unsere Texte sind nicht immer bis in die letzte sprachliche Wendung brillant. Auch die Sprecherin ist eine ambitionierte Amateurin - und genau wie bei uns Autorinnen, hakt es auch bei ihr an der einen oder anderen Stelle. Eine professionelle Sprecherin hätte unsere Texte aufgewertet und glänzen lassen. Vielleicht wird diese Chance bei einem zweiten Band genutzt.
Das Hörbuch "Blinde Schönheit" ist im Audio-CD-Format für 19,95 € und im DAISY-Format für 16,95 € erhältlich. Hier geht es zum Bestellformular.
