Einseitige Ernährung
Donnerstag, 30. September 2010
Kulinarisch war meine letzte Woche übrigens etwas einseitig. Da ich jeden Tag unterwegs war und es bei all diesen Veranstaltungen etwas zu essen gab, war Kartoffelsalat in unterschiedlichen Zubereitungsarten meine Hauptspeise. Zum Glück kam er mit verschiedenen »Beilagen«. Brüh- und Bratwürsten, Fisch, Nackenkotelett und - erwähnenswert, weil heute nur noch selten serviert - Hacksteak á la Meier.
Modernes Leben
Mittwoch, 29. September 2010
Der diesjährige Ausflug meiner Kirchengemeinde war eine feuchte Angelegenheit. Den ganzen Tag schüttete es wie aus Eimern. Trotzdem genossen wir das interessante Programm. Es begann mit einem Gottesdienst im ökumenischen Gebetsraum - einem Holzhaus, das im Inneren keineswegs wie das Provisorium wirkt, das es ist. Anschließend besuchten wir das Kesselhaus am Sandtorkai. Seit 2000 dokumentiert das hier untergebrachte Infocenter das Geschehen in der HafenCity: Jeder Schritt der Planungen und Diskussionen wird hier vorgezeichnet und der Stand der Entwicklungen dokumentiert. Uns wurde alles von einer Architektin erläutert. Es ist spannend, wir hier ein ganz neues Quartier, in dem einmal 15.000 Menschen wohnen und 45.000 Menschen arbeiten sollen, entsteht. Eines der Projekte ist das Ökumenische Forum »Brücke«, das 2012 an der Shanghaiallee eröffnen soll. Insgesamt 18 christliche Kirchen tragen dieses deutschlandweit einzigartige Gemeinschaftsprojekt. Das öffentlich zugängliche Erdgeschoss des Forums dient als Begegnungsstätte, eine Kapelle bietet einen stillen Rückzugsort im sonst so quirligen Quartier. Außerdem zieht der Laurentiuskonvent ins Gebäude ein: Die Mitglieder dieser ökumenisch-geistlichen Gemeinschaft leben hier in Wohn- oder Hausgemeinschaften zusammen.
Wenn ich ein paar Jahrzehnte jünger wäre, würde es mich bestimmt reizen, in der Hafencity zu leben. Aber einen alten Baum wie mich, verpflanzt man nicht mehr.
Wenn man schon im Hafen ist, darf eine Hafenrundfahrt nicht fehlen. Unsere Barkasse hieß Diplomat und war so edel wie der Name. Vor allem war sie überdacht! Der Barkassenführer unterhielt uns mit Informationen und lustigen Geschichten, während wir an den riesigen Pötten - unter anderem der MS Deutschland und der MS Europa - vorbeifuhren und uns Frikadellen mit Kartoffelsalat schmecken ließen.
Den Nachmittagskaffee gab es im Kirchenkaffee der Flussschifferkirche, das vom »Rauhen Haus« in Hamburg betrieben wird und Menschen mit Handicap eine Beschäftigung bietet. Der Abschlussgottesdienst wurde dann, passend zum Tagesprogramm in Plattdeutsch gehalten.
Wenn ich ein paar Jahrzehnte jünger wäre, würde es mich bestimmt reizen, in der Hafencity zu leben. Aber einen alten Baum wie mich, verpflanzt man nicht mehr.
Wenn man schon im Hafen ist, darf eine Hafenrundfahrt nicht fehlen. Unsere Barkasse hieß Diplomat und war so edel wie der Name. Vor allem war sie überdacht! Der Barkassenführer unterhielt uns mit Informationen und lustigen Geschichten, während wir an den riesigen Pötten - unter anderem der MS Deutschland und der MS Europa - vorbeifuhren und uns Frikadellen mit Kartoffelsalat schmecken ließen.
Den Nachmittagskaffee gab es im Kirchenkaffee der Flussschifferkirche, das vom »Rauhen Haus« in Hamburg betrieben wird und Menschen mit Handicap eine Beschäftigung bietet. Der Abschlussgottesdienst wurde dann, passend zum Tagesprogramm in Plattdeutsch gehalten.
Anders fernsehen
Dienstag, 28. September 2010
Am vergangenen Wochenende nahm ich an den Feiern zum achtjährigen Jubiläum von Bibel TV teil. Es begann mit einem Festgottesdienst in der Hauptkirche St. Petri, Hamburgs ältester Pfarrkirche. Das riesige Gotteshaus war bis auf den letzten Platz gefüllt. Musikalisch umrahmt wurde der Gottesdienst von einem phantastischen Gospelchor. Das Ensemble trug selbst schwierige Stücke virtuos vor. Die beeindruckende Predigt hielt Pater Eberhard von Gemmingen, der von 1982 bis 2009 Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan war.
Nach 1 ½ zum Nachdenken anregenden Stunden wurden mir mit Bussen zum Sender gefahren. 300 bis 400 Besucher fanden sich in den Redaktionsräumen ein und trotzdem lief alles wie am Schnürchen dank der perfekten Organisation. Selbst an den Buffets musste man nicht allzu lange warten. Die Führung durch die Redaktionsräume war nicht so spannend - es gibt ja nicht viel zu sehen außer Schreibtischen und Computern. Interessante waren die Erläuterungen zur Geschichte und zum Programm des Senders, das ganz erheblich von den Beiträgen der Zuschauer lebt. Wer mehr dazu wissen möchte, wird auf der Internetseite fündig.
Nach 1 ½ zum Nachdenken anregenden Stunden wurden mir mit Bussen zum Sender gefahren. 300 bis 400 Besucher fanden sich in den Redaktionsräumen ein und trotzdem lief alles wie am Schnürchen dank der perfekten Organisation. Selbst an den Buffets musste man nicht allzu lange warten. Die Führung durch die Redaktionsräume war nicht so spannend - es gibt ja nicht viel zu sehen außer Schreibtischen und Computern. Interessante waren die Erläuterungen zur Geschichte und zum Programm des Senders, das ganz erheblich von den Beiträgen der Zuschauer lebt. Wer mehr dazu wissen möchte, wird auf der Internetseite fündig.
Normaler, blinder Alltag
Sonntag, 26. September 2010
Heute möchte ich einmal von einem ganz normalen blinden Alltag berichten.
Ich stand um sechs Uhr in der Früh auf, weil der Fensterputzer vormittags kommen würde. Davor mussten die Fensterbretter freigeräumt werden. Das ist viel Arbeit, denn ich besitze unzählbar viele kleine Souvenirs, die ich im Laufe meines Lebens zusammengetragen habe. Die meisten Sehenden sind überrascht, wenn sie meine Wohnung betreten. Sie stellen sich in der Regel vor, blinde Menschen würden in kahlen, nur sparsam möblierten Wohnungen leben, um sich nicht ständig irgendwo zu stoßen oder irgendetwas von Regalen, Tischen und Fensterbrettern zu fegen. Bei mir sieht es ganz anders aus. Gemütlich! Und das bedeutet für mich: voller »Stehrümchen«. Ich weiß genau, wo sich was befindet und damit das auch nach dem Fensterputzen so bleibt, muss ich alles selbst weg- und auch wieder einräumen. Das dauert!
Nachdem der Fensterputzer gegangen war, blieb mir nur noch wenig Zeit, denn Punkt 13 Uhr wurde ich zur Auftaktveranstaltung von »Älter werden in Hamburg« abgeholt. Alle eingeladenen Politgrößen hatten abgesagt und so blieben einige Hinterbänkler übrig, die ihre »Sprechblasen« absonderten. Das war nicht wirklich erhellend und so blieb der Auftritt des Polizeiorchesters Hamburg der Höhepunkt der Veranstaltung.
Anschließend fuhr ich direkt ins Vereinshaus des Blindenvereins zu einem Konzert der Hafennacht eV: Erk Braren an der Gitarre, Heiko Quistorf am Akkordeon und Uschi Wittich Gesang. Die drei schreiben über ihre Auftritte:
»Wir spielen maritime Lieder, weil wir die See lieben und sie liebt uns auch. Unser Seemannsgarn handelt vom Weggehen und vom Wiederkommen und von der großen Sehnsucht dazwischen. Musik im Netz des Lebens. Wir interpretieren alte Lieder neu, wir erfinden eigene Stücke und wir sammeln musikalisches Strandgut, das uns gefällt.
Von La Paloma zum Ostseelied nach ganz dahinten, wo der Leuchtturm steht oder beim ersten Mal, da tut’s noch weh oder ich weiß nicht, zu wem ich gehöre, um dann doch wieder auf der Reeperbahn nachts um halb eins zu stehen. Natürlich verändern wir die Musik, wir verpassen die eigene Note und suchen einen eigenen Klang, die Lieder fließen durch uns, sie gehören eindeutig dem Wasser. Der Humor, die Raubeinigkeit und die erschreckend einfachen Weisheiten des Lebens haben uns aus mancher Seenot gerettet.«
Klingt wunderbar, oder? Und ist es auch. Seemannslieder modern interpretiert: Rock, Soul, Rap. Hafenromantik muss nicht altbacken sein.
Nach diesem heiteren Abend kam ich beschwingt, aber müde nach Hause. Nach einem ganz normalen, blinden Alltag.
Ich stand um sechs Uhr in der Früh auf, weil der Fensterputzer vormittags kommen würde. Davor mussten die Fensterbretter freigeräumt werden. Das ist viel Arbeit, denn ich besitze unzählbar viele kleine Souvenirs, die ich im Laufe meines Lebens zusammengetragen habe. Die meisten Sehenden sind überrascht, wenn sie meine Wohnung betreten. Sie stellen sich in der Regel vor, blinde Menschen würden in kahlen, nur sparsam möblierten Wohnungen leben, um sich nicht ständig irgendwo zu stoßen oder irgendetwas von Regalen, Tischen und Fensterbrettern zu fegen. Bei mir sieht es ganz anders aus. Gemütlich! Und das bedeutet für mich: voller »Stehrümchen«. Ich weiß genau, wo sich was befindet und damit das auch nach dem Fensterputzen so bleibt, muss ich alles selbst weg- und auch wieder einräumen. Das dauert!
Nachdem der Fensterputzer gegangen war, blieb mir nur noch wenig Zeit, denn Punkt 13 Uhr wurde ich zur Auftaktveranstaltung von »Älter werden in Hamburg« abgeholt. Alle eingeladenen Politgrößen hatten abgesagt und so blieben einige Hinterbänkler übrig, die ihre »Sprechblasen« absonderten. Das war nicht wirklich erhellend und so blieb der Auftritt des Polizeiorchesters Hamburg der Höhepunkt der Veranstaltung.
Anschließend fuhr ich direkt ins Vereinshaus des Blindenvereins zu einem Konzert der Hafennacht eV: Erk Braren an der Gitarre, Heiko Quistorf am Akkordeon und Uschi Wittich Gesang. Die drei schreiben über ihre Auftritte:
»Wir spielen maritime Lieder, weil wir die See lieben und sie liebt uns auch. Unser Seemannsgarn handelt vom Weggehen und vom Wiederkommen und von der großen Sehnsucht dazwischen. Musik im Netz des Lebens. Wir interpretieren alte Lieder neu, wir erfinden eigene Stücke und wir sammeln musikalisches Strandgut, das uns gefällt.
Von La Paloma zum Ostseelied nach ganz dahinten, wo der Leuchtturm steht oder beim ersten Mal, da tut’s noch weh oder ich weiß nicht, zu wem ich gehöre, um dann doch wieder auf der Reeperbahn nachts um halb eins zu stehen. Natürlich verändern wir die Musik, wir verpassen die eigene Note und suchen einen eigenen Klang, die Lieder fließen durch uns, sie gehören eindeutig dem Wasser. Der Humor, die Raubeinigkeit und die erschreckend einfachen Weisheiten des Lebens haben uns aus mancher Seenot gerettet.«
Klingt wunderbar, oder? Und ist es auch. Seemannslieder modern interpretiert: Rock, Soul, Rap. Hafenromantik muss nicht altbacken sein.
Nach diesem heiteren Abend kam ich beschwingt, aber müde nach Hause. Nach einem ganz normalen, blinden Alltag.
Theater, Theater ...
Freitag, 17. September 2010
Gestern stand wieder einmal ein Theaterbesuch auf dem Programm. Wieder einmal im Winterhuder Fährhaus. Gemessen an den zwei vorhergehenden Stücken „Boeing, Boeing“ und „Außer Kontrolle“ war „Der lustige Witwer“ eher zahm und streckenweise sogar langweilig. Die Handlung ist voller Klischees und damit vorhersehbar. Die Inszenierung war als Hommage für Wolfgang Spier gedacht, der in diesen Tagen seinen 90. Geburtstag feiert selbst Regie führte und die Hauptrolle spielt. Besser: spielen sollte. Das Schicksal machte ihm allerdings einen Strich durch die Rechnung. Er erkrankte und konnte, obwohl es ihm schon wieder besser geht, gestern nicht spielen. Als absolut vollwertiger Ersatz stand Jörg Plewa auf der Bühne. Eine großartige Leistung, wenn man bedenkt, dass er für das Textstudium und die Proben nicht ganz 14 Tage Zeit hatte. Der Inhalt ist kurz erzählt:
Nach 30 Jahren in der Provinz möchte Thomas Maddison nun richtig einen draufmachen: einmal hinein ins Großstadtgetümmel! Nur für kurze Zeit – so die offizielle Version – nistet sich der frischgebackene Witwer deshalb bei seinem Sohn samt Schwiegertochter in London ein. Bis zur Testamentseröffnung in ein paar Tagen. Das berufstätige Paar ist davon allerdings alles andere als begeistert und rechnet mit dem Schlimmsten. Doch es kommt noch schlimmer: Der Herr Papa setzt seinen ganzen Charme und die erwartete Erbschaft ein, um die Damenwelt zu bezirzen und lässt dabei keine Möglichkeit auf einen guten Schluck aus…
Schlussendlich erbt Maddison sowie die gesamte Verwandtschaft nicht. Das beträchtlich Vermögen seiner Frau geht an ein Heim für verwahrloste Katzen.“
Simon Moss’ Boulevardkomödie basiert auf der Kultserie »Tom, Dick and Harriet« von Johnnie Mortimer und Brian Cook, die auch »Zwiebeln und Butterplätzchen « und »Ich habe einen Pinguin geheiratet« geschrieben haben.
Nach der Vorstellung trödelten mein Begleiter so ich so lange, dass wir den Zug verpassten und 1 ½ Stunden warten mussten. So kamen wir in den Genuss, Baumanns Bier Bar am Hauptbahnhof kennenzulernen, dessen Theke von einer Gruppe trinkfreudiger Finnen belager war, deren deutscher Wortschatz sich auf „Weißbier“ beschränkte. Ich fiel aus der Rolle und bestellte Tomatensaft.
Nach 30 Jahren in der Provinz möchte Thomas Maddison nun richtig einen draufmachen: einmal hinein ins Großstadtgetümmel! Nur für kurze Zeit – so die offizielle Version – nistet sich der frischgebackene Witwer deshalb bei seinem Sohn samt Schwiegertochter in London ein. Bis zur Testamentseröffnung in ein paar Tagen. Das berufstätige Paar ist davon allerdings alles andere als begeistert und rechnet mit dem Schlimmsten. Doch es kommt noch schlimmer: Der Herr Papa setzt seinen ganzen Charme und die erwartete Erbschaft ein, um die Damenwelt zu bezirzen und lässt dabei keine Möglichkeit auf einen guten Schluck aus…
Schlussendlich erbt Maddison sowie die gesamte Verwandtschaft nicht. Das beträchtlich Vermögen seiner Frau geht an ein Heim für verwahrloste Katzen.“
Simon Moss’ Boulevardkomödie basiert auf der Kultserie »Tom, Dick and Harriet« von Johnnie Mortimer und Brian Cook, die auch »Zwiebeln und Butterplätzchen « und »Ich habe einen Pinguin geheiratet« geschrieben haben.
Nach der Vorstellung trödelten mein Begleiter so ich so lange, dass wir den Zug verpassten und 1 ½ Stunden warten mussten. So kamen wir in den Genuss, Baumanns Bier Bar am Hauptbahnhof kennenzulernen, dessen Theke von einer Gruppe trinkfreudiger Finnen belager war, deren deutscher Wortschatz sich auf „Weißbier“ beschränkte. Ich fiel aus der Rolle und bestellte Tomatensaft.
Geschrieben von Die Blindgängerin
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14:06
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Tags für diesen Artikel: theater
Schicksalsschlag
Freitag, 10. September 2010
In letzter Zeit melden sich viele alte Bekannte per Telefon. Ist es der bevorstehende Herbst mit seiner leichten Melancholie, dass man sich alter Freunde erinnert? Wie auch immer, auf jeden Fall rief mich mein ehemaliger Friseur Bruno an. Vor einigen Monaten hatte er Knall auf Fall seinen Salon geschlossen - und das mit Mitte 50. Nun wusste ich zwar, dass er an Parkinson erkrankt war, aber obwohl wir uns auch privat das eine oder andere Mal getroffen hatten, ließ er nichts von sich hören. Jetzt endlich fasste er sich ein Herz Nach umfangreichen Therapien hatte er sich so weit erholt, dass er sich zum Kirchenführer im Michel ausbilden lassen konnte. Nur zu Hause herumzusitzen war nichts für Bruno, das war mir von vorneherein klar. Die Arbeit mit den Kirchenbesuchern machte ihm viel Spaß, sagte er. Aber jetzt warf ihn erneut eine Krankheit zurück. Eine Entzündung am Fuß wollte und wollte nicht heilen. Bereits sechs Wochen liegt er nunmehr im Krankenhaus und noch immer können ihm die Ärzte nicht hundertprozentig zusagen, dass der Fuß erhalten werden kann. Manche Menschen sind wirklich gestraft und zu bewundern, wie sie diese immer neuen Schicksalschläge aushalten. Kopf hoch, Bruno, möchte man ihm zurufen. Und betet dann, dass alles gut geht.
Geschrieben von Die Blindgängerin
um
10:00
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Tags für diesen Artikel: blind, freundschaft
Große weite Welt
Donnerstag, 9. September 2010
Das Telefon ist die Verbindung zur Welt. Manchmal im wörtlichen Sinne sogar in die große, weite Welt. Zum Beispiel als mich vor ein paar Tagen Johannes anrief. Ich hatte lange nichts mehr von ihm gehört, geschweige denn mich mit ihm getroffen, denn er lebt in Argentinien. Er erzählte mir, dass ihm beim Aufräumen ein altes Foto von mir in die Hand gekommen sei und er sofort zum Telefonhörer gegriffen habe.
Seine Eltern Martin und Erna Kühl waren dorthin bereits 1919 bzw. 1923 ausgewandert. Sie waren Ur-Hamburger und der Kontakt zu ihnen kam über Funk zustande. Ich habe ja schon einmal erwähnt, dass mein Mann und ich begeisterte Funkamateure waren und Onkel Martin und Tante Erna - anders nannten wir sie nie - gehörten zu unseren liebsten Kontakten außerhalb Deutschlands. Selbst nach Jahrzehnten sprachen sie immer noch mit einem »spitzen Stein«. Selbst als sie ihren Namen irgendwann für die spanisch sprechenden Argentinier leichter aussprechbar machten, indem sie ihn in Cuel änderten. Der Kontakt zu Deutschland intensivierte sich sogar noch, als die beiden Rentner wurden. Jedes Jahr lebten sie dann drei Monate in Deutschland.
Die beiden brachten es in Südamerika zu einem beträchtlichen Vermögen. Sie lebten und arbeiteten in Salta, einer Stadt im Nordwesten Argentiniens und die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Salta liegt am Fuß der Anden und ist berühmt für die vielen historischen, im kolonialen Stil erhaltenden Gebäude. Dort bauten Onkel Martin und Tante Erna ein großes Kaufhaus auf, wohnten in einer Villa und besaßen ein Segelboot. Gemachte Leute waren sie. Wie es oft so geht, ist davon heute nicht mehr viel übrig. Ihr Sohn Johannes, der oben erwähnte Anrufer, hat mit seiner vor zwei Jahren gestorbenen Frau Irmgard eine Tochter Graziella und einen Sohn Joaquim. Graziella erkrankte an Multipler Sklerose und wurde daraufhin von ihrem Mann verlassen. Joaquim ist psychisch krank. Die Behandlung dieser Krankheiten fraß nach und nach das Vermögen auf. Johannes musste die Villa verkaufen und lebt heute recht bescheiden. ER kann es sich nicht mehr leisten, nach Deutschland zu kommen - so gerne er es auch würde. Schade, so wird es bei Telefonaten bleiben müssen.
Seine Eltern Martin und Erna Kühl waren dorthin bereits 1919 bzw. 1923 ausgewandert. Sie waren Ur-Hamburger und der Kontakt zu ihnen kam über Funk zustande. Ich habe ja schon einmal erwähnt, dass mein Mann und ich begeisterte Funkamateure waren und Onkel Martin und Tante Erna - anders nannten wir sie nie - gehörten zu unseren liebsten Kontakten außerhalb Deutschlands. Selbst nach Jahrzehnten sprachen sie immer noch mit einem »spitzen Stein«. Selbst als sie ihren Namen irgendwann für die spanisch sprechenden Argentinier leichter aussprechbar machten, indem sie ihn in Cuel änderten. Der Kontakt zu Deutschland intensivierte sich sogar noch, als die beiden Rentner wurden. Jedes Jahr lebten sie dann drei Monate in Deutschland.
Die beiden brachten es in Südamerika zu einem beträchtlichen Vermögen. Sie lebten und arbeiteten in Salta, einer Stadt im Nordwesten Argentiniens und die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Salta liegt am Fuß der Anden und ist berühmt für die vielen historischen, im kolonialen Stil erhaltenden Gebäude. Dort bauten Onkel Martin und Tante Erna ein großes Kaufhaus auf, wohnten in einer Villa und besaßen ein Segelboot. Gemachte Leute waren sie. Wie es oft so geht, ist davon heute nicht mehr viel übrig. Ihr Sohn Johannes, der oben erwähnte Anrufer, hat mit seiner vor zwei Jahren gestorbenen Frau Irmgard eine Tochter Graziella und einen Sohn Joaquim. Graziella erkrankte an Multipler Sklerose und wurde daraufhin von ihrem Mann verlassen. Joaquim ist psychisch krank. Die Behandlung dieser Krankheiten fraß nach und nach das Vermögen auf. Johannes musste die Villa verkaufen und lebt heute recht bescheiden. ER kann es sich nicht mehr leisten, nach Deutschland zu kommen - so gerne er es auch würde. Schade, so wird es bei Telefonaten bleiben müssen.
Geschrieben von Die Blindgängerin
um
12:52
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Tags für diesen Artikel: blind, freundschaft
Im schwarzen Loch
Dienstag, 7. September 2010
Mein Badezimmer sollte endlich einen Duschvorhang bekommen. Fachgerecht ausgesucht und montiert. Heute war es so weit. Die Fachfrau, die ich mit der Aufgabe betraut hatte, bat mich um Assistenz. Ich sollte den Staubsauger halten, während sie Löcher in die Decke bohrte, damit der möglichst viel Staub gar nicht erst zu Boden rieseln konnte. Die Staubsaugerdüse wurde abgeschraubt und ich erwies mich als geschickte Assistentin. Als die Löcher gebohrt waren, sagte ich: »Stecken Sie doch bitte noch die Düse wieder auf das Staubsaugerrohr.«
»Sofort«, sagte die Fachfrau. »Erst schraube ich noch die Halterung fest.«
Ich stellte den Staubsauger schweigend in die Ecke. Einer Fachfrau widerspricht man nicht. Ich hätte es aber besser tun sollen, denn als die Arbeit getan, das Werk begutachtet und die Fachfrau verabschiedet war, stellte ich fest, dass die Staubsaugerdüse noch nicht auf dem Rohr steckte. Also ließ ich mich auf die Knie nieder und suchte den Badezimmerboden ab. Erfolglos. Wie häufiger in einem blinden Haushalt hatte sich ein blindes Loch aufgetan, in dem die Düse verschwunden blieb. Ich selbst hatte keine Chance, sie jemals wiederzufinden. Also rief ich die Fachfrau an, die sich allerdings auch nicht erinnerte, wo sie die verschwundene Düse abgelegt hatte. Es gab nur eine Möglichkeit: Sie musste zurückkommen, was sie auch sofort und bereitwillig tat. Sie fand die Düse nach wenigen Augenblicken. Das Teil war doch nicht im schwarzen Loch verschwunden, sondern lag auf dem Schuhschrank, was für mich aber keinen Unterschied machte. Ohne Hilfe hätte ich sie dort höchstens durch Zufall und vielleicht erst nach Wochen gefunden. Deshalb, liebe Sehende, wenn ein blinder Mensch euch bitte, einen Gegenstand da oder dort abzulegen oder anzubringen, kommt diesem Wunsch am besten sofort nach. Ihr erspart euch selbst vermutlich Arbeit. Denn schwarze Löcher drohen in Blindenhaushalten überall und jederzeit.
»Sofort«, sagte die Fachfrau. »Erst schraube ich noch die Halterung fest.«
Ich stellte den Staubsauger schweigend in die Ecke. Einer Fachfrau widerspricht man nicht. Ich hätte es aber besser tun sollen, denn als die Arbeit getan, das Werk begutachtet und die Fachfrau verabschiedet war, stellte ich fest, dass die Staubsaugerdüse noch nicht auf dem Rohr steckte. Also ließ ich mich auf die Knie nieder und suchte den Badezimmerboden ab. Erfolglos. Wie häufiger in einem blinden Haushalt hatte sich ein blindes Loch aufgetan, in dem die Düse verschwunden blieb. Ich selbst hatte keine Chance, sie jemals wiederzufinden. Also rief ich die Fachfrau an, die sich allerdings auch nicht erinnerte, wo sie die verschwundene Düse abgelegt hatte. Es gab nur eine Möglichkeit: Sie musste zurückkommen, was sie auch sofort und bereitwillig tat. Sie fand die Düse nach wenigen Augenblicken. Das Teil war doch nicht im schwarzen Loch verschwunden, sondern lag auf dem Schuhschrank, was für mich aber keinen Unterschied machte. Ohne Hilfe hätte ich sie dort höchstens durch Zufall und vielleicht erst nach Wochen gefunden. Deshalb, liebe Sehende, wenn ein blinder Mensch euch bitte, einen Gegenstand da oder dort abzulegen oder anzubringen, kommt diesem Wunsch am besten sofort nach. Ihr erspart euch selbst vermutlich Arbeit. Denn schwarze Löcher drohen in Blindenhaushalten überall und jederzeit.
Erstens kommt es anders ...
Montag, 6. September 2010
... und zweitens als man denkt. So ging es mir jedenfalls vor ein paar Tagen. Nachmittags wollte ich wieder einmal am Seniorentreffen des Blindenvereins teilnehmen. Ich wusste, dass an diesem Tag eine Teilnehmerin Geburtstag hatte, denn wir hatten beim letzten Mal darüber gesprochen. Also verzichtete ich auf ein Mittagessen, denn ich hoffte auf ein leckeres Stück Kuchen, das ich mit gut gefülltem Magen nicht würde genießen können.
Meine Erinnerung hatte mich nicht getrübt und doch kam es anders. Das »Geburtstagskind« hatte sich etwas ganz besonderes ausgedacht. Nachdem wir singend gratuliert hatten, sagte die Jubilarin: »Es gibt ja fast immer Kuchen und es bleibt meistens etwas übrig. Das ist ja auch kein Wunder, schließlich haben wir alle mittags gut gegessen. Deshalb habe ich mir heute etwas ganz Spezielles euch ausgedacht.« Sprach‘s und servierte jedem von uns eine Kugel Eis.» So lecker die süße Köstlichkeit auch war, verspürte ich doch bald einen auch akustisch vernehmbaren Hunger. Mein Magen knurrte und ich kaufte auf dem Heimweg ein belegtes Brötchen, das ich wie mit einem Heißhunger wie selten verspeiste. Beim nächsten Mal werde ich klüger sein. Wahrscheinlich gibt es dann wieder Kuchen.
Meine Erinnerung hatte mich nicht getrübt und doch kam es anders. Das »Geburtstagskind« hatte sich etwas ganz besonderes ausgedacht. Nachdem wir singend gratuliert hatten, sagte die Jubilarin: »Es gibt ja fast immer Kuchen und es bleibt meistens etwas übrig. Das ist ja auch kein Wunder, schließlich haben wir alle mittags gut gegessen. Deshalb habe ich mir heute etwas ganz Spezielles euch ausgedacht.« Sprach‘s und servierte jedem von uns eine Kugel Eis.» So lecker die süße Köstlichkeit auch war, verspürte ich doch bald einen auch akustisch vernehmbaren Hunger. Mein Magen knurrte und ich kaufte auf dem Heimweg ein belegtes Brötchen, das ich wie mit einem Heißhunger wie selten verspeiste. Beim nächsten Mal werde ich klüger sein. Wahrscheinlich gibt es dann wieder Kuchen.
Geschrieben von Die Blindgängerin
um
12:32
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Tags für diesen Artikel: blinden- und sehbehindertenverein, Seniorenkreis
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