Kunst kostet Geld
Mittwoch, 25. April 2012
Der Blindenverein versucht immer wieder, Künstler zu finden, die bereit sind, mit blinden Menschen kreativ zu arbeiten. Einer der »Wurzelholzkünstler« Reinhard Timpner, der in der Nähe von Worpswede lebt und arbeitet. Das Ausgangsmaterial seiner Skulpturen sind hauptsächlich Wurzeln bzw. Wurzelteile von Olivenbäumen, die er von Nordostspanien nach Norddeutschland bringt. Er geht mit diesem natürlichen Ausgangsmaterial sehr behutsam um, indem er von der natürlich gewachsenen Form ausgeht, die wiederum von der unterschiedlichen Beschaffenheit des Bodens, seiner Nährstoffe, von Trockenzeiten und Regenfällen im Laufe von oft über 500 Jahren Wachstumszeit bestimmt ist. Die fertigen Skulpturen, oft bizarre Gebilde unterschiedlichster Form und Große, sind Unikate. Die Maserung und Struktur des Holzes bringt der Künstler mit seiner Arbeit, vor allem durch das Polieren mit chinesischem Erdnussöl zur Geltung. Obwohl die repräsentativsten und größten Objekte schon einmal eine Tonne wiegen, geht Timpner das Material so schnell nicht aus, denn bei ihm lagern Wurzeln mit einem Gesamtgewicht von rund 17 Tonnen - und immer wieder kommen neue dazu.
Der Künstler hatte übrigens eines faszinierende Idee. Er wollte mit Blinden im Rahmen von Workshops ein großes Kunstwerk schaffen, dass von einer öffentlichen Institution als »Kunst am Bau« gekauft werden sollte. Leider scheiterte die Finanzierung bisher. Im Gespräch mit Timpner regte ich an, den Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband zu kontaktieren, der in diesem Jahr sein 100-jähriges Gründungsjubiläum feiert. Vielleicht lässt sich da ja doch noch etwas in Bewegung bringen. Spannend wäre es allemal.
Geschrieben von Die Blindgängerin
um
17:01
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Ärgernisse
Mittwoch, 25. April 2012
An manche Dinge werde ich mich nie gewöhnen. Zum Beispiel an Unzuverlässigkeit, wie sie ein ehemaliger Vorsitzender der CDU-Fraktion in der Bürgerschaft an den Tag legte. Er hatte zugesagt, ein Referat vor blinden Senioren zu halten. Anscheinend schien ihm dieses Publikum nicht wichtig genug, denn eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung sagte er ab. Angeblich habe er aus Versehen einen anderen Termin zum gleichen Zeitpunkt angenommen. Wer‘s glaubt .... Mich regt so etwas auf, denn es ist eine grobe Missachtung der Zuhörer, die eigens wegen des Referenten gekommen waren. Mir ist es unverständlich, dass die meisten Menschen ein derartiges Verhalten tolerieren und klaglos hinnehmen.
Und gleich noch ein zweites Ärgernis. Am vergangenen Sonntag ging ich zur Kirche und erlebte einen derart uninspirierten Gottesdienst, dass es mir fast die Sprache verschlug. Die Pastorin machte den Eindruck, als erfüllte sie nur eine lästige Pflicht, sie ließ jedes Engagement und jede Begeisterung vermissen. Ich stellte mir vor, dass ausgerechnet an diesem Tag ein Mensch in die Kirche gekommen war, der an seinem Glauben zweifelte und nicht wusste, ob er der christlichen Gemeinschaft weiterhin angehören oder auch zu ihr zurückkehren sollte. Wie würde er sich wohl nach einem solchen Gottesdiensterlebnis entscheiden?
Kurzer Prozess
Montag, 23. April 2012
Meine Wohnung hat schon manches Erstaunen bei Sehenden ausgelöst, weil sie so gar nicht den Vorstellungen entspricht, die sie sich von der Behausung einer Blinden machen. Bei mir ist nichts steril - im Gegenteil. Ich mag es gemütlich. Dazu kommen die vielen kleinen und großen Dinge, die sich im Laufe meines langen Lebens angesammelt haben und auf die ich keinesfalls verzichten möchte. Jedes einzelne Teil steht für ein besonderes Erlebnis und hat seinen festen Ehrenplatz. Zugegeben: Viel Platz für weitere »Stehrümchen« habe ich nicht und so wähle ich inzwischen genau aus, ob und was ich mir noch kaufe. So sehr ich jedes einzelne Stück mag und so gerne ich sie in die Hand nehme und dem Ort oder der Stimmung nachspüre, in der ich es erworben habe, alle paar Wochen machen sie richtig Arbeit. Aus Platzmangel bevölkern diese Erinnerungsstücke nämlich auch sämtliche Fensterbänke. Kommt nun der Fensterputzer, muss ich am Abend zuvor alles abräumen und nach getaner Arbeit wieder an den richtigen Platz stellen. Diese Arbeit kann mir niemand abnehmen. Würde ich sie einem Fremden übertragen, fände ich keines meiner Lieblingsstücke wieder. Vor ein paar Tagen war es wieder soweit. Ich hatte alles frei geräumt und wartete auf den Reiniger. Der vereinbarte Termin verstrich und ich wurde unruhig. Es war nicht das erste Mal, dass der Mann mich versetzte. Als er nach einer Stunde immer noch nicht gekommen war, rief ich ihn an. Ich hatte seine Frau am Telefon, die mir lapidar mitteilte, dass ihr Mann vergessen hatte, den Termin in den Tagesplan einzutragen. Sie meinte, er könnte mich vielleicht morgen dazwischen schieben. Ich war wütend. Und ich hatte keine Lust, alles wieder aufzuräumen oder im Chaos zu leben, bis es dem Herrn Fensterputzer genehm war, mich mit seiner Anwesenheit zu beehren. Da fiel mir ein, dass mich vor fast genau zwei Jahren ein Fernsehteam einen Tag lang begleitet hatte und dass dabei auch die »Fensterputzaktion« gefilmt worden war. Sie hatten damals den »Fensterputzer Klaus« für dieses Dreharbeiten engagiert und ich hatte mir seine Telefonnummer notiert. Also griff ich zum Telefon und rief ihn an. Ich erwischte ihn bei der Arbeit. Er konnte sich noch gut an mich erinnern und sagte zu, zwei Stunden später zu mir zu kommen. Und tatsächlich: er erschien pünktlich und tat seine Arbeit. Ich fragte ihn, ob er mich noch in seinen Kundenstamm aufnehmen könne und obwohl er genug zu tun hat, sagte er zu. Ich bin sicher, dass er zuverlässig ist und mich nicht versetzt.
Als er gegangen war, bereitete es mir großes Vergnügen, meinen bisherigen Glasreiniger anzurufen. Es sprang nur der Anrufbeantworter an, auf den ich fröhlich sprach: »Meine Fenster sind geputzt. Sie brauchen morgen nicht zu kommen - sie brauchen überhaupt nicht mehr zu kommen.«
Das Aufräumen ging mir danach sehr schwungvoll von der Hand.
Wolfsgeheul
Dienstag, 17. April 2012
Ausstellungen sind für blinde Menschen nur bedingt interessant. Vor allem, wenn es nur »Flachware« anzuschauen gibt, sprich Fotos, Dokumente und Texte. Aber auch dreidimensionale Ausstellungsobjekte befinden sich in den meisten Fällen gut gesichert hinter Glas. Oft sind sie zu wertvoll, um Besuchern in die Hände gegeben zu werden, manchmal auch zu zerbrechlich. In diesem Fall ist ein Museumsbesuch für mich nur von mäßigem Interesse. Wenn ich nichts befühlen, nicht mit den Händen sehen kann, bringt mir der Besuch keine neuen Erkenntnisse. Dann könnte ich mir genauso gut ein Sachbuch vorlesen lassen.
Manchmal allerdings erlebt man Überraschendes. Zum Beispiel, als das Aura Hotel in Timmendorfer Strand eine Fahrt ins Museum für Natur und Umwelt in Lübeck anbot. Ich hatte die Gästebetreuerin selbst auf die Idee gebracht und war doppelt gespannt darauf, was uns erwartete. Um es vorwegzunehmen: Anzufassen gab es wenig. Zwar war einiges im Modell nachgebaut, etwa ein ganzer Wolfsbau, den man allerdings nicht berühren durfte. Und dennoch kamen wir Blinden auf unsere Kosten. Denn was hörte man aus dem Bau: Das Gewimmer der Jungtiere. Selbstverständlich vom Tonband, aber es war neu und beeindruckend. Genau wie die anderen Laute, die ein Wolf von sich gibt und die vom Bellen, das fast wie das eines Hundes klingt, über Schrei- Quiek-, Knurr- und Zirpgeräusche bis zum bekannten Heulen reicht. Wölfe heulen bei verschiedenen Gelegenheiten, jedes Tier mit seiner individuellen »Stimme«.
Wölfe heulen, um ihr Revier gegen andere Wölfe zu behaupten oder um Rudelmitglieder zusammenzuhalten. Das Heulen symbolisiert im Rudel »Hallo, hier sind wir« oder »Wir gehören zusammen«. Deshalb bekommt ein ausgestoßener, einsamer Wolf, keine Antwort von anderen Tieren, wenn er heult. Und so klingt der einsame Wolf auch tatsächlich fast wehleidig.
Statt mit den Händen, lernten wir in dieser Ausstellung also viel Interessantes mit den Ohren - über das sprachliche hinaus. In der Lausitz sind seit etwa zwölf Jahren wieder wilde Wölfe zu Hause. Im östlichen Teil Sachsens und Brandenburgs soll es derzeit neun Rudel mit rund 60 Tieren geben. Mit Eintritt der Geschlechtsreife müssen die Jungtiere das Revier der Eltern verlassen. Dabei wandern sie weite Strecken, wie Nachweise in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Hessen und auch Schleswig-Holstein zeigen. Vielleicht hören wir also auch bald wieder häufiger einmal das Heulen eines Wolfes. Ich werde darauf achten. Und wenn es wehleidig klingt, werde ich Mitleid haben mit dem einsamen Tier.
Schwere Kost
Dienstag, 10. April 2012
Wie schnell schöne Tage doch vorbei sind. Diese Ostertage zum Beispiel. Es tat gut, sich wieder einmal richtig verwöhnen zu lassen von Service und natürlich auch von der exzellenten Küche des Aura Hotels in Timmendorfer Strand. Dazu kamen Gespräche, Spaziergänge und Ausflüge. Zum Niendorfer Fischmarkt etwa, auf dem es auch Fisch gibt, vor allem aber viele andere Schlemmereien und allerlei Nützliches oder auch nur Schönes. Andere mögen das Kitsch nennen, mir ist das egal, wenn es mir gefällt. Aber ich blieb standhaft. Fast jedenfalls. Für einen kleinen Fingerhut wird sich in meiner Wohnung noch ein Plätzchen finden, auch wenn einige Bekannte daran zweifeln.
Fast schon traditionell ist auch das Konzert des örtlichen Shanty-Chores, wie immer gut besucht und gut anzuhören. Maritimes Liedgut darf bei einem Besuch an der Ostsee wirklich nicht fehlen.
Zeit zum Lesen hatte ich auch noch. »Schuld« von Ferdinand von Schirach hatte ich mir als Hörbuch mitgenommen. Die Lektüre ließ mich nicht los. In fast jeder der auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichten führt uns der Autor - ein erfahrener Anwalt und Strafverteidiger - an die dunklen Bereiche menschlicher Existenz und lotet die Niederungen der menschlichen Seele aus. Niemals voyeuristisch aber immer mit einem genauen, geradezu detailversessenen Blick. Genau genommen geht es um das uralte Thema von Schuld und Sühne und den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit. Die Geschichten machen nachdenklich und traurig zugleich. Keine Lektüre für ängstliche Gemüter. Und trotzdem empfehlenswert.
Frohe Ostern!
Sonntag, 8. April 2012
Wie könnte ich anders sein, die Ostertage verlebe ich auch dieses Jahr natürlich wieder im Aura-Hotel in Timmendorfer Strand. Freunde treffen, den Gottesdienst gemeinsam besuchen, vielleicht auch die eine oder andere Kulturveranstaltung, sich vom besonderen Service dieses Hauses verwöhnen lassen. Apropos Service. Gestern passierte wieder so eine typische Blindengeschichte. Meine Freundin und ich hatten zum Abendessen Tee bestellt. Als es an der Zeit war, die Teebeutel aus der Kanne zu nehmen, wollten wir eine der freundlichen Serviererinnen auf uns aufmerksam machen, damit sie uns behilflich wäre. Nun ist es ja wohl kaum angebracht, laut durchs Lokal zu rufen. Also hob meine Freundin zaghaft den Finger. Kurze Zeit später trat ein Herr an unseren Tisch. Sehend, wie sich herausstellte, denn er sagte: »Kann ich Ihnen irgendwie helfen oder prüfen Sie nur die Windrichtung hier im Raum?«
In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs möglichst windstille, ruhige und friedliche Ostertage!
Aufklärung
Freitag, 6. April 2012
Über dieses kleine Blog hier wurde kürzlich ein Journalismus-Student auf mich aufmerksam und kontaktierte mich. Er möchte im Rahmen einer Seminararbeit ein Porträt über mich verfassen und es möglichst auch an das eine oder andere Medium verkaufen und fragte, ob ich Interesse hätte, mich mit ihm zu unterhalten. Selbstverständlich hatte ich. Nichts ist wichtiger, als Sehende über Blinde und ihre Lebenswelt und -wirklichkeit aufzuklären. Also traf ich mich mit dem jungen Mann zu einem ausführlichen Gespräch. Er hatte zuvor noch nie mit blinden Menschen Kontakt gehabt und saugte alle Informationen geradezu auf. So ist es immer. Kommt ein Sehender zum ersten Mal in unsere Welt, ist die Faszination mit Händen greifbar, oft auch die Verwunderung. Alle Hilfsmittel werden begutachtet, Braille-Schriftseiten mit Ehrfurcht befühlt. Die meisten Fragen betreffen die Organisation des Alltagtäglichen: Waschen, Einkaufen, putzen. Dann die Kultur: lesen und schreiben. Ich ermuntere stets zu fragen, denn die Hemmschwelle, die ein Sehender überwinden muss, ist groß. Von alleine trauen sich nur wenige, auf uns zuzukommen. Das ist traurig, aber leider wahr.
Nach ein paar Stunden intensiver Unterhaltung hatte der junge Mann viel erfahren, aber sein Wissensdurst war noch lange nicht gestillt. Und so begleitete er mich und eine Freundin auf der Fahrt nach Timmendorf, erlebte, wie Blinde mithilfe der Bahnhofsmission mit dem Zug verreisen können und führte mich am Arm durch das Gewimmel des Bahnhofs. Anfangs noch vorsichtig und unsicher ob der ungewohnten körperlichen Nähe zu einem fremden Menschen, nach einiger Zeit aber sicherer und freier. Er lernte das Aura-Hotel kennen, wurde von Mitarbeitern durch die Räume geführt und staunte über die Spiele wie »Mensch ärgere dich nicht«, die für uns ertastbar gemacht worden waren. Er spürte, was er sich vorher sicher nicht vorstellen konnte: Ein »Blindenhotel« ist genauso gastlich wie eine Herberge für Sehende. Mir gefiel es, dass er am Ende meinte: »Hier würde ich gerne eine Woche bleiben.« Der Satz zeigte mir, dass die »Aufklärungsarbeit« auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Ich bin gespannt auf den Text, den er schreiben wird. Ich glaube, er wird gut und interessant.
Lärmbelästigung
Montag, 2. April 2012
Wie angenehm es ist, in einer ruhigen Wohnung zu leben, merkte ich in den letzten Tagen. Die Wohnung unter mir wird renoviert, meine langjährige Nachbarin ist vor einiger Zeit ausgezogen. Von morgens bis abends wird nun gehämmert, gebohrt und mit nervtötend lauten Werkzeugen der Boden und die Wände bearbeitet. Auch die Heizkörper werden erneuert, was ich direkt zu spüren bekam, denn meine Wohnung wurde plötzlich auch nicht mehr richtig warm. Also hatte auch ich Handwerker im Haus, denn meine Heizkörper mussten entlüftet werden. Das klappt natürlich nicht auf Anhieb und so beschäftigte mich das einen ganzen Tag.
Inzwischen kann ich verstehen, dass eine Freundin es vorzog, aus ihrer Wohnung, in der sie genau wie ich Jahrzehnte gelebt hatte, aus- und in eine Seniorenresidenz einzuziehen, als das Haus über mehrere Monate saniert und renoviert werden sollte. In dem Krach und Dreck wollte sie nicht leben. Und irgendwann, so meinte sie, müsste der Umzug »ins Heim« ja sowieso sein. Andererseits: Würde bei mir wochen- oder gar monatelang renoviert, würde ich diese Zeit wohl eher im Aura Hotel in Timmendorf »aussitzen«. Der Umzug in die Seniorenresidenz ist gravierend, denn er ist, darüber bin ich mir klar, definitiv der letzte im Leben. Und ganz ehrlich: So lange er nicht nötig ist und ich mein Leben noch bewältige, werde ich ihn hinausschieben. Und sei es auch mit einem langen Urlaub.
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