Technische Probleme
Mittwoch, 23. Mai 2012
Ich gestehe: Ich telefoniere gerne und wenn es ein interessantes Gespräch ist auch gerne lange. Als blinde, schon etwas ältere Dame kann ich mich nicht ständig auf den Weg machen, um mich mit Freunden und Bekannten in der Stadt zu treffen oder sie zu besuchen. Zudem wohnen viele Freunden in der gesamten Republik verstreut, das Telefon ist also die beste Möglichkeit, den Kontakt aufrecht zu halten. Da ich aber oft außer Haus bin, ist mein Anrufbeantworter ein wichtiges Instrument, sonst würde der eine oder andere Bekannte wahrscheinlich verzweifeln, weil er mich nie erreichen kann. In den letzten Tagen wunderte ich mich, weil der Anrufbeantworter leer blieb. Vor kurzem hatte ich eine Bekannte gebeten, die alten Anrufe zu löschen. Hatte sie dabei vielleicht das Gerät abgestellt. Ich bat einen Freund, mich anzurufen. Ich würde nicht abnehmen und so könnten wir feststellen, ob das Gerät funktionierte. Ich hatte richtig vermutet, der AB sprang nicht an. Jetzt kannte ich also den Fehler, aber wie sollte ich ihn beseitigen? Vermutlich musste man nur einen Knopf drucken, aber welchen? Ich hatte keine Ahnung und erfühlen ließ sich das auch nicht. Zum Glück fiel mir ein, dass ein Bekannter exakt das gleiche Gerät besaß. Er wüsste bestimmt, was zu tun wäre. Ich bat meinen Freund, mit dem ich telefonisch das Problem besprach, mit im Onlinetelefonbuch die Nummer herauszusuchen. Kein Eintrag. Wir versuchten es mit einem anderen Bekannten, der die Nummer desjenigen mit dem gleichen AB kennen müsste. Auch nicht im Telefonbuch eingetragen. Anscheinend will die Telekom ihre Kunden zwingen, den kostenpflichtigen Auskunftsdienst anzurufen. Da haben sie allerdings ihre Rechnung ohne mich gemacht. Ich holte mein altes Telefonnummernverzeichnis in Brailleschrift hervor, schlug es auf - und welcher Name stand gleich auf der ersten Seite? Genau! Nichts geht eben über eigene, schriftliche Aufzeichnungen. Mein Anrufbeantworter funktioniert übrigens auch wieder.
Montag, 21. Mai 2012
Oft sind es kleine Erfolgserlebnisse, die einen besonders freuen. Zum Beispiel, wenn man sieht, dass Verbesserungsvorschläge, die man macht, direkt umgesetzt werden. Ich durfte gerade so eine positive Erfahrung machen.
Mir war aufgefallen, dass in Gottesdiensten davon ausgegangen wird, dass alle Besucher mit dem Ablauf und den Riten vertraut sind. Nun ist das nach meiner Erfahrung keineswegs immer so. Es gibt Gottesdienstbesucher, die nicht regelmäßig, sondern eher selten in die Kirche gehen. Außerdem soll es ja auch vorkommen - und es würde mich freuen, wenn es so wäre -, dass Menschen nach langer Zeit des Zweifelns oder Haderns mit der Religion den Weg zurück finden. Diese Gläubigen nicht auszuschließen und ihnen die Teilnahme so einfach wie möglich zu machen, sollten wir uns alle vornehmen. Vor einiger Zeit war mir aufgefallen, dass einige Gottesdienstbesucher beim Glaubensbekenntnis schwiegen. Wollten sie nicht mitsprechen? Das konnte ich mir nicht vorstellen, aber vielleicht waren sie unsicher, kannten den Texten nicht mehr so genau und trauten sich deshalb nicht. Ich machte eine Anregung in dieser Hinsicht und siehe da, sie wurde umgesetzt, wie ich am Sonntag erleben konnte. Am Anfang des Gottesdienstes wurde darauf hingewiesen, dass man den Text des Glaubensbekenntnisses im Gesangbuch mitlesen könne, das Lesebändchen wäre schon an die entsprechende Stelle gelegt. Vorbildlich wie ich finde!.
Von der Wiege bis zur Bahre
Donnerstag, 17. Mai 2012
Abwechslung gibt dem Leben oft die Würze und schützt vor dem Einrosten. So gesehen war es gut, einmal statt des gewohnten Seniorenkreises im Blindenverein das Treffen der betagteren Mitglieder meiner Kirchengemeinde zu besuchen. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mich an dieser Stelle über die langweilige Gestaltung eines Gottesdienstes beklagt, der mehr Dienst nach Vorschrift denn engagierte Glaubensvermittlung war. Dass es auch anders geht, bewies dieser Nachmittag. Treffen älterer Menschen sollen meistens auch dem Training ihrer geistigen Fähigkeiten dienen. Was dabei an Übungen angewendet wird, wirkt oft wie ein in die Jahre gekommener Kindergarten. Hier war das anders. »Lieder aus verschiedenen Lebensstufen« war das Thema und jeder konnte etwas dazu beitragen. Kinderlieder, Lieder aus der Konfirmandenzeit, Hochzeitslieder und zum Schluss Lieder zur Beerdigung. Das Spektrum reichte tatsächlich von der Wiege bis zur Bahre. Wir sangen mit Inbrunst und dabei auch schön. Es klang gut in meinen Ohren. Dazu konnten wir erzählen, was uns aus der jeweiligen Zeit in Erinnerung geblieben ist. Wie es so ist, wenn Menschen zusammenkommen, die alle ihren achtzigsten Geburtstag bereits hinter sich haben, drehten sich viele Geschichten um Krieg, Flucht, Vertreibung und Hunger. Das Elend, das wir in Kindheit und Jugend erleben mussten, ist unvergesslich. Das ist auch gut so, denn vor dem dunklen Hintergrund unserer Geschichte erkennen wir besser, in was für einer reichen und wunderbaren Zeit wir doch leben, bei allen Schwierigkeiten und Bedrohungen, die diese Welt für uns bereit halten mag. Im Gedenken an die Verzweiflung und den Jammer früher Jahrzehnte kommt uns das Glück der Gegenwart zu Bewusstsein. Wenigstens in diesem Augenblick waren wohl die meisten im Raum gelassen und zufrieden.
Geschrieben von Die Blindgängerin
um
11:21
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Nachrichtenübermittlung
Sonntag, 13. Mai 2012
Eine der spannendsten Ausflüge während der Bibelfreizeit des Christlichen Blindendienstes in Wernigerode führte nach Neuwegersleben im Landkreis Börde. Hier befindet sich eines der interessantesten technischen Denkmale in Deutschland, vielleicht auch eines der unbekanntesten: Die optische Telegrafenstation. Sie ist die letzte original erhaltene und restaurierte ihrer Art.
Vor dem Hintergrund der außenpolitischen und militärischen Situation Anfang des 19. Jahrhunderts musste Preußen eine stabile und schnelle nachrichtentechnische Verbindung vom preußischen Kernland in die sich seit 1815 im preußischen Besitz befindlichen Rheinprovinzen schaffen. Das Ergebnis war der Preußische optische Telegraf, ein zwischen den Jahren 1832 und 1849 bestehendes telegrafisches Kommunikationssystem zwischen Berlin und Koblenz, das behördliche und militärische Nachrichten mittels optischer Signale über eine Distanz von fast 550 Kilometern übermitteln konnte. Die Telegrafenlinie bestand aus 62 Telegrafenstationen, die mit Signalmasten ausgestattet waren, an denen jeweils sechs mit Seilzügen zu bedienende Telegrafenarme angebracht waren. Die Stationen waren mit Fernrohren ausgerüstet, mit denen Telegrafisten speziell codierte Informationen von einer signalisierenden Station ablasen und sie unmittelbar an die jeweils folgende weitergaben. Drei telegrafische Expeditionen (Versandabteilungen) in Berlin, Köln und Koblenz ermöglichten die Aufnahme, Chiffrierung, Dechiffrierung und Ausgabe von Staatsdepeschen. Eine Nachricht mit 30 Worten wurde von Berlin nach Koblenz in nur 1,5 Stunden übermittelt.
Die Anlage wurde durch die Einführung der elektrischen Telegrafie überflüssig. Auch wenn keinerlei Nachrichten mehr auf optischem Wege telegrafiert werden, so kommt das Prinzip noch beim Winkeralphabet und in stark vereinfachter Form bei Eisenbahnsignalen zur Anwendung.
Eine Besichtigung der Anlage in Neuwegersleben erlaubt einen lebendigen Blick in einen nahezu unbekannten Teil der Kommunikationsgeschichte.
Am Nachmittag des gleichen Tages besuchten wir das Geopark Informationszentrum in Königslutter, in dem die Erdgeschichte des Braunschweiger Landes in allgemein verständlicher Form dargestellt wird. Am interessantesten fand ich die ausgestellten Fossilienfunde. Hier konnten wir auch praktisch tätig werden und uns sozusagen unsere eigene Fossilie mittels einer Form gießen. So konnte ich am Ende die Versteinerung einer Seelilie mit nach Hause nehmen.
Nach so viel Wissenschaft und Technik besichtigten wir am nächsten Tag mit der Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode wieder ein monumentales Sakralgebäude. Es ist eines der bedeutendsten ottonischen Architekturdenkmale in Deutschland. Die Kirche, die erstmals im Jahr 961 erwähnt wurde, befindet sich aufgrund der Restaurierungen im 19. Jahrhundert heute weitgehend wieder im Zustand des 10. Jahrhunderts; lediglich die westliche Apsis wurde um 1130 ergänzt. Sie war die Stiftskirche des vom Markgrafen der sächsischen Ostmark, Gero, gegründeten Frauenstifts Gernrode, dem bis zur Auflösung im Jahre 1616 Äbtissinnen aus den adeligen Familien der Region vorstanden. Die Kirche wurde 1521, als sich die Äbtissin Elisabeth von Weida der Reformation anschloss und ihr Stift säkularisiert wurde, protestantisch und war damit eine der ersten protestantischen Kirchen weltweit. Seit der Restaurierung nutzt sie die evangelische Kirchengemeinde Gernrode als Pfarrkirche.
Von der reichen Ausstattung des ottonischen Baus haben sich nur wenige Reste erhalten, da diese von den Reformierten entfernt wurde. Über die Zeit erhalten blieben lediglich einige Grabplatten von Äbtissinnengräbern, die 1519 neu geschaffene Tumba des Stiftsgründers Gero, sowie das Heilige Grab. Seine genaue Datierung ist umstritten. Es steht jedenfalls fest, dass es beim romanischen Umbau der Kirche bereits vorhanden war, somit handelt es sich um das älteste erhaltene Heilige Grab in Deutschland. Es hatte eine wichtige Funktion in der Gernroder Stiftsliturgie während der Ostertage. Im Rahmen liturgischer Osterspiele, die für Gernrode aus einer erhaltenen Handschrift rekonstruiert werden konnten, aber auch aus anderen Frauenstiften wie Essen bekannt sind, wurde am Karfreitag der vom Kreuz genommene Korpus in den Sarkophag des Heiligen Grabes gelegt. In der Auferstehungsliturgie des Ostersonntags wurde er dann wieder feierlich daraus hervorgeholt und den anwesenden Gläubigen gezeigt.
1519 wurde in der Vierung das Hochgrab für den als Stifter verehrten Markgrafen Gero aus Sandstein errichtet. Es misst 94 Zentimeter in der Höhe, 99 Zentimeter in der Breite sowie 212 Zentimeter in der Länge. Das Grabmal wurde 1865 während der Renovierung der Stiftskirche geöffnet. Man fand darin die Knochen eines Mannes mit einer Körperlänge von 1,84 Metern.
In Gernrode befindet sich auch noch eine weitere Attraktion. Das Stadt- und Schulmuseum befindet sich in der Alten Elementarschule in der Nähe der Stiftskirche. Im Vorgängerbau des heutigen Gebäudes war zeitweise die bereits 1533 gegründete protestantische Elementarschule untergebracht, sie gehört zu den ältesten protestantischen Elementarschulen in Deutschland. Auf den Fundamenten aus dem 15./16. Jahrhundert wurde im frühen 18. Jahrhundert ein neues Gebäude errichtet, seitdem ist das Haus unverändert geblieben und der alte Schulsaal ist original erhalten. Hier kann man erleben, wie der Unterricht vor 100 Jahren ausgesehen hat. Ich ließ mir den Rohrstock in die Hand geben, denn bisher kannte ich so etwas nur aus Erzählungen. Ich selbst habe ihn während meiner Zeit als Schülerin zum Glück nie gespürt.
Sakrales und Profanes
Sonntag, 13. Mai 2012
Die Bibelfreizeit des Christlichen Blindendienstes gehört zu den Veranstaltungen, auf die ich mich immer wieder freue. Wie in den letzten Jahren auch, verbrachten wir eine intensive Woche voller Gespräche und Erlebnisse im Harz. Untergebracht waren wir im Helmut-Kreutz-Haus, von wo aus wir in Halb- und Ganztagesausflügen die Umgebung erkundeten. Schon der Auftakt war bemerkenswert. Wir besuchten ein Konzert in der Johanniskirche in Wernigerode. Ein verhältnismäßig großes Kammerorchester mit Chor, einer Sopranistin und einem Tenor brachte Werke von Georg Friedrich Händel zu Gehör. Die meisten Werke stammten aus der Zeit, die er in England lebte, denn sie wurden in englischer Sprache gesungen.
Die Bibelarbeit stand dieses Jahr unter dem Thema »Glaubenszweifel«, das in die Zeit passte und spannende Diskussion anregte. Ich denke, dass sich niemand davon freisprechen kann, ohne jeden Zweifel im Glauben zu sein. So waren viele dieser Gespräche auch sehr persönlich und rührten an die Tiefe der menschlichen Existenz. Das tat gut angesichts der Oberflächlichkeit, mit der wir heute oft miteinander kommunizieren, auch wenn wir natürlich nicht alle Probleme und Widersprüche, etwa den Konflikt zwischen Glauben und Wissenschaft, auflösen konnten.
Der sonntägliche Gottesdienst in der Wernigeroder Liebfrauenkirche wurde von den Konfirmanden gestaltet. Mich beeindruckte vor allem die Auslegung des »Vater unser« und der Chor, der englischsprachige Gospels sang. So lebendig und inhaltsreich kann Gottesdienst heute sein. Ich wünschte mir, manche Pastorin und mancher Pastor, die ich in den letzten Monaten erlebt habe, würde sich davon etwas abschauen.
Neben der Bibelarbeit wartete auch dieses Jahr ein volles Ausflugsprogramm auf uns. Als erstes besuchten wir das Benediktinerkloster Ilsenburg. Die Klosteranlage stammt aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Eigentümer der Klosterkirche ist die Stadt Ilsenburg, die den sakralen Bau aufwendig restaurieren ließ. Die Reste der Klausurgebäude sind seit 2000 im Besitz der Stiftung Kloster Ilsenburg. Es soll ein Kunst- und Kulturzentrum entstehen, in das auch das auf dem ehemaligen Klostergelände liegende Schloss einbezogen wird.
Insgesamt ist es eine sehr große Anlage, obwohl viele der historischen Gebäude im Laufe der Jahrhunderte abgerissen wurden. Im Prinzip stehen heute nur noch der Ost- und der Südflügel der Klausur des einstigen Benediktinerklosters. Den besten Eindruck von der einstigen Großartigkeit des Bau bekommt man im Refektorium, also dem Speisesaal der Mönche.
Nach diesem Sakralbau stand beim nächsten Ausflug ein Profanes Gebäude auf dem Programm: Schloss Ballenstedt. Die erste sichere Erwähnung Ballenstedts erfolgt in einer Urkunde König Heinrichs IV. aus dem Jahre 1073. Als erstes entstand auf dem heutigen Schlossberg das Kollegiatstift St. Pancratius und Abundus, das 1046 im Beisein von König Heinrich III. geweiht wurde. 1123 wurde das Stift in ein Benediktinerkloster umgewandelt. In der Klosterkirche wurde 1170 Albrecht der Bär beigesetzt, dessen Enkel Heinrich I. der erst Fürst von Anhalt werden sollte. Im Bauernkrieg wurde das Benediktinerkloster gestürmt und teilweise zerstört und 1525 durch Fürst Wolfgang von Anhalt säkularisiert und als Residenz ausgebaut. Im Jahre 1543 wurde Ballenstedt das Stadtrecht verliehen. Eine Stadtbefestigung wurde 1551 erbaut, und 1582 werden erstmals ein Rathaus und ein Rat erwähnt. Während des Dreißigjährigen Krieges erstürmten 1626 Wallensteins Truppen die Stadt und plünderten sie.
Vom 17. Jahrhundert an wurde Ballenstedt durch die Fürsten zu Anhalt-Bernburg weiter ausgebaut. Auf den Resten des ehemaligen Klosters entstand eine repräsentative Schlossanlage. 1765 erklärte Fürst Friedrich-Albrecht Ballenstedt offiziell zur Residenzstadt, und damit begann die politische, wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit. Ausdruck des kulturellen Aufstiegs war unter anderem der Bau des Schlosstheaters, der 1788 in Angriff genommen wurde. Hier traten später Albert Lortzing und Franz Liszt auf, die dem Theater zu einem bedeutenden Ruf über Anhalts Grenzen hinweg verhalfen.
Als 1863 Herzog Alexander Carl kinderlos starb, fiel Anhalt-Bernburg an Dessau, und Ballenstedt wurde zu einer der fünf Kreisstädte des wieder vereinigten Landes Anhalt. Nach und nach entwickelte sich das Städtchen zum Domizil wohlhabender Pensionäre und mit der touristischen Erschließung des Harzes erlebte die Stadt auch durch den Fremdenverkehr neuen Aufschwung. Das Schloss diente bis 1918 als Jagd- und Nebenresidenz der Herzöge von Anhalt und bis 1945 als Privatwohnsitz der herzoglichen Familie.
Bei vielen historischen Gebäuden oder Privatmuseen begeistert mich das Engagement, mit dem Bürger ihre Geschichte pflegen und die Häuser und Einrichtungen unterhalten. So auch hier in Ballenstedt, wo man versucht unterschiedliche kulturelle Aktivitäten in den Gebäuden am Leben zu erhalten. So wird z. B. der »Weiße Saal« des Schlosses von einer Klöppelgruppe genutzt.
Für heute soll das genug der Beschreibungen von historischen Gebäuden sei. Eine vollgepackte Woche in Wernigerode verdient durchaus zwei Beiträge in diesem Blog.
Die Blindgängerin in Spanien
Freitag, 11. Mai 2012
Erst wollte ich es gar nicht glauben. Aber tatsächlich: Dieses kleine Blog wird selbst in Spanien gelesen. Mehr noch, es wird sogar in den Medien darüber berichtet.
Nun ja, eigentlich geht es über das Projekt der »Blinden Fotografen« von Kilian Förster, über das ich hier schon geschrieben habe. In diesem Zusammenhang entstand auch das Porträt, das jetzt in Spanien veröffentlich wurde.
Ich spreche nicht Spanisch, wollte aber natürlich gerne wissen, was dort über mich zu lesen steht. Mein Freund und Co-Autor Matthias Brömmelhaus wusste Rat. Er fragte einen Freund, der wiederum eine Kollegin hat, die spanisch unterrichtet, und schon war der Text übersetzt. Weil ich denke, dass auch die meisten Leser dieses Artikels der spanischen Sprache nicht mächtig sind, veröffentliche ich hier den Teil, der mich betrifft:
»Ruth Wunsch ist eine über 80 Jahre alte Dame, die uns verrät, dass sie trotz ihrer Blindheit ein Leben voller Farben genießt und sich nicht daran hindern lässt, Aktivitäten auszuführen, die man einer blinden Frau nicht zutraut: ins Theater gehen, reisen, schreiben... und Fotos machen. Sie besitzt einen sehr aktives Blog: Die Blindgängerin.
In ihrem heutigen Bericht erinnert sie sich 50 Jahre später mit filmischer Präzision an ihre Erlebnisse während der fürchterlichen Überschwemmungen von 1962 an der deutschen Nordseeküste, die mit orkanähnlichen Winden mit bis zu 200 km/h einhergingen, und Hamburg überfluteten. Die Vorfälle verursachten 340 Tote und 60.000 Vertriebene.
“In jedem Fall”, schreibt sie, “lässt mich die Erinnerung an den Tsunami daran denken wie kurz das Leben ist. Ein Fingerschnippen und es ist vorbei.” Ihre Schlussfolgerung: “Selbst wenn ich noch die 18,5 Jahre lebe, die mir fehlen um 100 zu werden, muss man das Leben leben, was sage ich, muss ich es leben, bewusst leben.”
“Wenn du dein Augenlicht verlierst, verlierst du die Schönheit des Lebens nicht aus den Augen” mahnt sie an einer anderen Stelle, die so wunderbar rund endet mit folgendem Satz: “Wenn dir die Schönheit des Lebens abhandengekommen ist, bist du wirklich blind.”
»echt blind« als Hörbuch
Freitag, 11. Mai 2012
Angekündigt hatte ich es ja schon und die Blindenhörbücherei hatte ich im letzten Beitrag vorgestellt, nun ist auch »echt blind« als Hörbuch kostenlos bei der Norddeutschen Blindenhörbücherei und allen ihr über den Verbund Medibus angeschlossenen Bibliotheken kostenlos ausleihbar. Es ist ein tolles Gefühl, den eigenen Text von einem professionellen Sprecher - er heißt Mike Olsowski - vorgelesen zu bekommen. Ehrlich gesagt: ich bin ein bisschen stolz darauf! Die Lesezeit beträgt 165 Minuten. Für alle, die neu in diesem Blog sind und nicht wissen, über welches Buch ich überhaupt spreche, hier noch einmal die Informationen, die sich auch auf der Internetseite des Blindenhörbücherei finden: Ruth Wunsch ist blind. Echt blind. Ihre wahren Geschichten handeln von Reisepannen, Männern in weißen Röcken, schwarzen Löchern, blinden Spiegeln, Einkaufspolonäsen, betrügerischen Marktfrauen und Segelunfällen. Kurz: Vom ganz normalen Wahnsinn blinden Lebens, das so ganz anders ist, als die Sehenden es sich vorstellen.
Unter der Buchnummer 40478 können sich alle Blinden und Sehbehinderten das Buch ab sofort kostenlos ausleihen.
Vom Lesen und Hören
Dienstag, 1. Mai 2012
Ich lese viel, dass werden Sie schon gemerkt haben. Zum Beispiel lese ich die Beiträge dieses Blogs gerne noch einmal, nachdem sie erschienen sind. Ich bekomme sie kurze Zeit später in Brailleschrift zugeschickt. Dafür sei der Initiative Braillepost herzlich gedankt.
Lese ich auch Bücher in Punktschrift? Nein! Ehrlich gesagt ist mir das zu mühsam. Romane lese ich zur Entspannung. Ein Roman von mehreren hundert Seiten umfasst in Blindenschrift ein paar dicke Folianten, da kann man sich nicht gemütlich zurücklehnen. Bücher lese ich also, indem ich sie höre. Diese Leidenschaft teile ich mit vielen Sehenden, die es wie ich genießen, einen literarischen Text von einem professionellen Sprecher vorgetragen zu bekommen. Für Blinde und stark sehbehinderte Menschen gibt es hier ein besonderes Angebot. In den Blindenhörbüchereien können wir uns Hörbücher kostenlos ausleihen. Dabei handelt es sich nicht um die Audiobooks, die auch in den Buchhandlungen erhältlich sind oder die man in öffentlichen Büchereien entleihen kann, sondern um Bücher, die im eigenen Tonstudio produziert wurden. Dabei arbeiten alle deutschsprachigen Hörbüchereien zusammen, sodass jeder Nutzungsberechtigte auf den gesamten Bestand zurückgreifen kann, gleich wo er wohnt. Im Gegensatz zu kommerziellen Hörbüchern, die häufig gekürzt sind, werden alle Titel vollständig aufgesprochen. Jede Kürzung würde für sehbehinderte Menschen eine Zensur bedeuten.
Allein die Norddeutschen Blindenhörbücherei in Hamburg hat rund 26.000 verschiedene Bücher in jeweils mehreren Kopien im Bestand. Das Angebot wächst ständig und wir durch die Titel anderer Hörbüchereien ergänzt.
Betroffene finden hier weitere Informationen: http://www.blindenbuecherei.de/
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