Als uns das Taxi gegen 11 Uhr im Hotel abholt, zeigt das Thermometer bereits 29 Grad. Es wird ein heißer Tag. Wir fahren Praslins Küstenstraße entlang Richtung Grande Anse, wo wir Ruby Collie treffen werden. Wir wissen nichts über sie, außer dass sie blind ist. Und Diabetikerin, was Süßigkeiten als Gastgeschenk ausschloss. Also hatten wir nach einigem Hin und Her eine Kette eingepackt, die Monika aus Deutschland mitgebracht hatte. Schon vor der Anreise hatte Matthias das Hotelmanagement gebeten, ein Treffen mit einer blinden Seychellois möglich zu machen.
Die Fahrt ist kurz, nach zehn Minuten biegt der Fahrer auf ein Rasengrundstück neben der Kirche des kleinen Küstendorfes ein und hält vor der Veranda eines weiß gestrichenen Hauses. Mrs. Collie erwartet uns bereits an der Tür. Das Radio beschallt den Raum mit Nachrichten in großer Lautstärke. Wie immer, wenn man ein fremdes Haus betritzt, dessen Besitzer man ausserdem nicht kennt, stellt sich zunächst ein Gefühl der Unsicherheit ein. Nach der Begrüßung gehen wir den Wohnraum und stellen die Stühle, die allesamt an der Wand aufgereiht sind, zu einer Sitzgruppe zusammen. Maryse, unsere Dolmetscherin, stellt uns vor und ich frage Mrs. Collie zunächst nach ihrem Alter und ihrer Familie.
„Ich bin 61 Jahre alt und lebe seit einigen Jahren ganz allein in diesem Haus. Vorher war mein Bruder bei mir, aber er ist vor einigen Jahren gestorben.“
Man merkt der Dame an, dass es sie immer noch bewegt, von ihrem Bruder zu sprechen, der wahrscheinlich ihr Halt im Leben war.
Mrs. Collie fährt fort: „Meine Eltern hatten sechs Kinder, 4 Mädchen und zwei Jungs. Drei meiner Schwestern leben heute in Australien, die können mich nur alle drei Jahre besuchen. Zum Glück habe ich noch 2 Geschwister auf Mahé, aber auch sie schaffen es nur alle paar Wochen, vorbeizukommen.“
„Haben Sie denn Freunde im Dorf?“, frage ich.
„Ja, der Nachbar, er ist ein guter Freund. Wir sitzen oft abends, wenn es kühler wird, draußen auf der Veranda und er berichtet mir den neuesten Dorfklatsch.“
Im Raum steigt die Temperatur von Minute zu Minute. Maryse fächert sich mit der flachen Hand bereits Luft zum, um sich wenigstens etwas Abkühlung zu verschaffen. Als ich auf die stickige Luft im Zimmer zu sprechen komme, sagt Mrs. Ruby:
„Im nächsten Jahr bringt mir eine Schwester aus Australien eine Klimaanlage mit. Dann kann ich es mir an richtig heißen Tagen erträglicher machen im Haus. Nicht so kalt wie in den Hotels“, fährt sie lachend fort, „so viel Strom darf ich nicht verbrauchen, das kann ich mir nicht leisten.“
Ich nehme den Hinweis auf:
„Bekommen Sie staatliche Unterstützung?“
Mrs. Collie nickt:
„Ja, 2100 Seychelles Rupies im Monat“. Das entspricht etwa 140 Euro.
„Kommen Sie damit aus?“, frage ich skeptisch.
Anscheinend hat sie die Frage verstanden, denn sie wartet gar nicht erst auf Maryse Übersetzung.
„Natürlich nicht! Das ist viel zu wenig. Das Geld reicht gerade, um die nötigsten Lebensmittel auf dem Markt zu kaufen, aber nicht für Gas und Strom. Zum Glück unterstützen mich meine Geschwister, sonst sähe es schlecht aus.“
Zum ersten Mal ereifert sich die blinde Dame.
„Und wissen Sie was. Jetzt ist ja alles noch gut, denn im nächsten Jahr stehen Wahlen an. Da sorgt die Regierung dafür, dass die Rupie im Vergleich zu fremden Währungen stark ist. Wenn die Wahlen vorbei sind, wird sie fallen und dann wird alles noch viel teurer.“
Geld ist auch hier ein heikles Thema, also reden wir besser über etwas unverfängliches.
„Sind Sie hier auf Praslin zur Schule gegangen?“
„Ja, aber nur zu Primaryshool und dort auch nur drei Jahre. Dann merkte man, dass ich nichts auf der Tafel lesen konnte und weil es damals noch keine Schule für Behinderte auf unserer Insel gab, war es das für mich mit dem Schulbesuch. Heute wäre es besser. Auf Mahé gibt es sogar eine Blindenschule“.
„Also haben Sie auch nie gelernt, den weissen Blindenstock zu benutzen, oder Brailleschrift zu lesen.“
Mrs. Collie schüttelt mit dem Kopf und Ruth drückt ihr ihren Langstock in die Hand.“
„Wenn ich sonntags zur Kirche gehen, nehme ich einen Regenschirm und taste damit nach Schwellen und Stufen“, sagt die Seychellois und reicht Ruth den Stock zurück.
„Sie gehen also jeden Sonntag zur Kirche?“
„Auf jeden Fall.“ Mrs. Collie setzt sich aufrecht auf ihrem Stuhl zurecht. „Sonst würde etwas Wichtiges in meinem Leben „sprechende“ Uhr. So etwas hat sie anscheinend noch nicht gesehen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie noch einen kleinen Sehrest auf einem Auge hat. Wenn sie ihre Uhr mit der großen Digitalanzeige unmittelbar vors Gesicht hält, kann sie die Zeit noch ablesen.
Matthias fragt nach einem vergilbten Bild an der Wand, auf dem ein Priester und mehrere Menschen vor einer kleinen Kirche stehen.
„Das ist meine Ur-Ur-Urgroßvater. Er war Priester und baute 1904 die erste Kirche in Grande Anse“.
Mich interessiert vor allem der Alltag einer blinden Frau auf den Seychellen.
„Was tun sie den ganzen, lieben Tag?“
„Nicht so viel. Morgens gehe ich in die Gesundheitsstation direkt in der Nachbarschaft und hole meine Insulinspritze. Am Vormittag kommt eine Haushaltshilfe. Auf den Seychellen werden Arbeitslose für soziale Hilfsdienste eingesetzt. Sie putzt und dann kocht sie für mich.“
„Was gibt es denn zu essen?“
„Nicht viel, mein Arzt sagt, ich soll abnehmen“, sagt Ruby lachend. „Hauptsächlich gibt es Gemüse und Kartoffeln. Und Fisch natürlich.“
Gegen Abend bekommt sie dann Besuch von einer Krankenschwester, die ihr die zweite Insulinspritze des Tages gibt.“
„Gehen Sie denn auch mal ins Theater oder ins Konzert?“
Ruby schüttelt den Kopf. „Ich höre den ganzen Tag Radio.“
Im Zimmer ist es inzwischen ganz und gar unerträglich geworden, heiß und stickig. Wir sind froh, als das Taxi vor dem Haus hält. Die Verabschiedung ist schon viel herzlicher als die Begrüßung. Obwohl es nur ein kurzes Treffen war, sind wir uns näher gekommen. Ruby winkt an der Tür, als wir davonfahren.
Ich denke noch lange über diese Begegnung nach. Es ist ein ziemlich eintöniges Leben, das Ruby Collie führt, so ganz ohne kulturelle Veranstaltungen. Oder zeigt sich hier weniger der Unterschied zwischen blindem Leben in Deutschland und den Seychellen als vielmehr der zwischen der Weltstadt Hamburg und dem kleinen Dorf Grande Anse.