Artikel mit Tag blinde
Das Herz Deutschlands
Donnerstag, 27. Mai 2010
Diesmal also Thüringen, das Herz Deutschlands - nicht nur geografisch, sondern vor allem kulturell. Gleich am zweiten Tag besuchten wir eine germanische Kultstätte und die Rekonstruktion einer germanischen Siedlung aus der römischen Kaiserzeit in Niederdorla. Originalgetreue Hütten aus Reet und Flechtwerk, Kultgegenstände und Werkzeuge sowie ein Imbiss nach germanischer Rezeptur ließen diesen Teil der Geschichte lebendig werden. Übrigens: In Niederdorla befindet sich der geografische Mittelpunkt Deutschlands - wie auch immer man das berechnet hat.
Am nächsten Tag stand ein Besuch in der Zeiss-Stadt Jena auf dem Programm. Im Gartenhaus von Schiller saßen wir an dem Original-Steintisch, an dem Goethe und Schiller tiefschürfende Gespräche hatten. Schiller lebte zehn Jahre in Jena, wo er 1789 eine Professur als Historiker annahm, obwohl er in Medizin promoviert hatte und Professor der Philosophie war - eben ein Universalgenie. Beliebt, wie er vor allem durch »Die Räuber« war, löste die Nachricht der Lehrtätigkeit Schillers in Jena Begeisterungsstürme aus. Die Antrittsvorlesung brachte den Hörsaal zum Überlaufen, und so wechselten die zahllosen Hörer zum größeren Saal. Die ganze Stadt war in Aufruhr, weil man dachte, es brenne.
Natürlich besuchten wir Erfurt, bummelten durch den mittelalterlichen Stadtkern, vorbei an prächtigen Bürgerhäusern und über die vielgerühmte 800-jährige Krämerbrücke mit ihren winzigen Läden und Wohnhäuschen. Besonders interessant fand ich den Besuch einer Blaudruckwerkstatt. Hier wird noch wie im Mittelalter mit der Färberpflanze Waid gearbeitet und Tischdecken und Tücher mit der Hand bedruckt.
Gestern besuchten wir Eisenach, die Geburtsstadt Johann Sebastian Bachs, die aber natürlich genauso eng mit Martin Luther verbunden ist. Den anstrengenden Spaziergang zur Wartburg ließ ich nicht nur wegen des schlechten Wetter aus und fuhr bequem mit dem Taxi. Die Tage waren ohnehin anstrengend genug. Aber auch vollgepackt mit einmaligen Erlebnissen. Ich freue mich schon auf das, was noch folgt und werde darüber natürlich ausführlich berichten.
Blind Date
Samstag, 21. November 2009
Die Fahrt ist kurz, nach zehn Minuten biegt der Fahrer auf ein Rasengrundstück neben der Kirche des kleinen Küstendorfes ein und hält vor der Veranda eines weiß gestrichenen Hauses. Mrs. Collie erwartet uns bereits an der Tür. Das Radio beschallt den Raum mit Nachrichten in großer Lautstärke. Wie immer, wenn man ein fremdes Haus betritzt, dessen Besitzer man ausserdem nicht kennt, stellt sich zunächst ein Gefühl der Unsicherheit ein. Nach der Begrüßung gehen wir den Wohnraum und stellen die Stühle, die allesamt an der Wand aufgereiht sind, zu einer Sitzgruppe zusammen. Maryse, unsere Dolmetscherin, stellt uns vor und ich frage Mrs. Collie zunächst nach ihrem Alter und ihrer Familie.
„Ich bin 61 Jahre alt und lebe seit einigen Jahren ganz allein in diesem Haus. Vorher war mein Bruder bei mir, aber er ist vor einigen Jahren gestorben.“
Man merkt der Dame an, dass es sie immer noch bewegt, von ihrem Bruder zu sprechen, der wahrscheinlich ihr Halt im Leben war.
Mrs. Collie fährt fort: „Meine Eltern hatten sechs Kinder, 4 Mädchen und zwei Jungs. Drei meiner Schwestern leben heute in Australien, die können mich nur alle drei Jahre besuchen. Zum Glück habe ich noch 2 Geschwister auf Mahé, aber auch sie schaffen es nur alle paar Wochen, vorbeizukommen.“
„Haben Sie denn Freunde im Dorf?“, frage ich.
„Ja, der Nachbar, er ist ein guter Freund. Wir sitzen oft abends, wenn es kühler wird, draußen auf der Veranda und er berichtet mir den neuesten Dorfklatsch.“
Im Raum steigt die Temperatur von Minute zu Minute. Maryse fächert sich mit der flachen Hand bereits Luft zum, um sich wenigstens etwas Abkühlung zu verschaffen. Als ich auf die stickige Luft im Zimmer zu sprechen komme, sagt Mrs. Ruby:
„Im nächsten Jahr bringt mir eine Schwester aus Australien eine Klimaanlage mit. Dann kann ich es mir an richtig heißen Tagen erträglicher machen im Haus. Nicht so kalt wie in den Hotels“, fährt sie lachend fort, „so viel Strom darf ich nicht verbrauchen, das kann ich mir nicht leisten.“
Ich nehme den Hinweis auf:
„Bekommen Sie staatliche Unterstützung?“
Mrs. Collie nickt:
„Ja, 2100 Seychelles Rupies im Monat“. Das entspricht etwa 140 Euro.
„Kommen Sie damit aus?“, frage ich skeptisch.
Anscheinend hat sie die Frage verstanden, denn sie wartet gar nicht erst auf Maryse Übersetzung.
„Natürlich nicht! Das ist viel zu wenig. Das Geld reicht gerade, um die nötigsten Lebensmittel auf dem Markt zu kaufen, aber nicht für Gas und Strom. Zum Glück unterstützen mich meine Geschwister, sonst sähe es schlecht aus.“
Zum ersten Mal ereifert sich die blinde Dame.
„Und wissen Sie was. Jetzt ist ja alles noch gut, denn im nächsten Jahr stehen Wahlen an. Da sorgt die Regierung dafür, dass die Rupie im Vergleich zu fremden Währungen stark ist. Wenn die Wahlen vorbei sind, wird sie fallen und dann wird alles noch viel teurer.“
Geld ist auch hier ein heikles Thema, also reden wir besser über etwas unverfängliches.
„Sind Sie hier auf Praslin zur Schule gegangen?“
„Ja, aber nur zu Primaryshool und dort auch nur drei Jahre. Dann merkte man, dass ich nichts auf der Tafel lesen konnte und weil es damals noch keine Schule für Behinderte auf unserer Insel gab, war es das für mich mit dem Schulbesuch. Heute wäre es besser. Auf Mahé gibt es sogar eine Blindenschule“.
„Also haben Sie auch nie gelernt, den weissen Blindenstock zu benutzen, oder Brailleschrift zu lesen.“
Mrs. Collie schüttelt mit dem Kopf und Ruth drückt ihr ihren Langstock in die Hand.“
„Wenn ich sonntags zur Kirche gehen, nehme ich einen Regenschirm und taste damit nach Schwellen und Stufen“, sagt die Seychellois und reicht Ruth den Stock zurück.
„Sie gehen also jeden Sonntag zur Kirche?“
„Auf jeden Fall.“ Mrs. Collie setzt sich aufrecht auf ihrem Stuhl zurecht. „Sonst würde etwas Wichtiges in meinem Leben „sprechende“ Uhr. So etwas hat sie anscheinend noch nicht gesehen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie noch einen kleinen Sehrest auf einem Auge hat. Wenn sie ihre Uhr mit der großen Digitalanzeige unmittelbar vors Gesicht hält, kann sie die Zeit noch ablesen.
Matthias fragt nach einem vergilbten Bild an der Wand, auf dem ein Priester und mehrere Menschen vor einer kleinen Kirche stehen.
„Das ist meine Ur-Ur-Urgroßvater. Er war Priester und baute 1904 die erste Kirche in Grande Anse“.
Mich interessiert vor allem der Alltag einer blinden Frau auf den Seychellen.
„Was tun sie den ganzen, lieben Tag?“
„Nicht so viel. Morgens gehe ich in die Gesundheitsstation direkt in der Nachbarschaft und hole meine Insulinspritze. Am Vormittag kommt eine Haushaltshilfe. Auf den Seychellen werden Arbeitslose für soziale Hilfsdienste eingesetzt. Sie putzt und dann kocht sie für mich.“
„Was gibt es denn zu essen?“
„Nicht viel, mein Arzt sagt, ich soll abnehmen“, sagt Ruby lachend. „Hauptsächlich gibt es Gemüse und Kartoffeln. Und Fisch natürlich.“
Gegen Abend bekommt sie dann Besuch von einer Krankenschwester, die ihr die zweite Insulinspritze des Tages gibt.“
„Gehen Sie denn auch mal ins Theater oder ins Konzert?“
Ruby schüttelt den Kopf. „Ich höre den ganzen Tag Radio.“
Im Zimmer ist es inzwischen ganz und gar unerträglich geworden, heiß und stickig. Wir sind froh, als das Taxi vor dem Haus hält. Die Verabschiedung ist schon viel herzlicher als die Begrüßung. Obwohl es nur ein kurzes Treffen war, sind wir uns näher gekommen. Ruby winkt an der Tür, als wir davonfahren.
Ich denke noch lange über diese Begegnung nach. Es ist ein ziemlich eintöniges Leben, das Ruby Collie führt, so ganz ohne kulturelle Veranstaltungen. Oder zeigt sich hier weniger der Unterschied zwischen blindem Leben in Deutschland und den Seychellen als vielmehr der zwischen der Weltstadt Hamburg und dem kleinen Dorf Grande Anse.
Kunst bleibt schwierig
Mittwoch, 16. September 2009
Für heute nachmittag hatte die „Aktion Mensch“ eine individuelle, auf mich blinden Menschen abgestimmte Führung durch die Orangerie des Schosses Sancoussi gebucht. Mit der wegen des Berliner S-Bahnchaos überfüllten Regionalbahn machten wir uns auf den Weg nach Potsdam. Hier wartete Frau Friedrich im Besucherzentrum „Historische Mühle“ auf uns und breitete als erstes den Tastplan der gesamten Schlossanlage auf einem Tisch aus. So konnte ich mir einen guten Überblick über die gigantischen Ausmaße des Parks machen. Während Frau Friedrich die Entstehungsgeschichte der einzelnen herrschaftlichen Gebäude darlegte, fuhren meine Hände immer wieder über den Plan. Zu welch großartigen architektonischen Leistungen Menschen damals schon in der Lage waren.
Die Orangerie ist mit über 300m Frontlänge das längste Gebäude im Park von Sanssouci. In erster Linie war sie natürlich als Winterquartier für die exotischen Pflanzen gedacht, beherbergt aber auch Wohn- und Repräsentationsräume. Ihr Inneres ist ganz nach dem Geschmack Friedrich Wilhelms IV. ausgestattet. Kostbare Steine, prunkvolle Dekorationen und eine Vielzahl von Skulpturen, häufig Kinderdarstellungen zeugen von der Wohnkultur des 19. Jahrhunderts.
Einem blinden Menschen historische Räume samt ihrer Einrichtung und der daraus resultierenden Atmosphäre näher zu bringen, ist schwierig. An diesem Nachmittag gelang es, weil ich viele Gegenstände betasten durfte: den vergoldeten Engel an der Tür, die Seidentapeten an der Wand, den Rokokosessel und vor allem die herrlichen kleinen Marmorskulpturen: den kindlichen Bacchus, der in einem Körbchen aus Weinblättern liegt oder den noch gar nicht böse wirkenden jungen Faun mit seinem menschlichen Oberkörper und den Bochsfüßen.
Frau Friedrich hatte dann noch eine besondere Überraschung parat und zog aus einem Kästchen Blattgold hervor. Als sie mir ein Stück in die Hand legte, merkte ich es gar nicht, so leicht war es. Gold stellt man sich schwer und fest vor, hier war es federleicht und hauchdünn.
Führungen wie diese machen es auch blinden Menschen möglich, die Kulturschätze zu entdecken und wenigstens ein Stück weit zu begreifen, auch wenn man das Sehen niemals ersetzen kann. Matthias war vor allem vom Raffaelsaal begeistert, in dem über 50 Kopien der wichtigsten Meisterwerke dieses bedeutenden Rennaissancemalers ausgestellt sind. Zum Glück durfte ich zwei Skulpturen befühlen, von den Bildern hingegen kann ich mir aufgrund der Beschreibungen nur ein ungefähres Bild machen. Ihre als überirdisch gepriesene Schönheit bleibt mir deshalb weitgehend verschlossen.
Stadtrundfahrt mal anders
Dienstag, 15. September 2009
Wie erwartet tauchte Matthias gestern rechtzeitig in der Bahnhofsmission am Hauptbahnhof auf. Ich saß zwar schon seit geraumer Zeit auf heißen Kohlen, aber wie gewohnt lief alles glatt. Die Bahnfahrt nach Berlin verging wie im Fluge, weil wir genug Gesprächsstoff hatten. Spätnachmittags spazierten wir dann die Friedrichsstraße hinunter bis zum Checkpoint Charlie. Ich konnte das erstaunlich kleine Wachhäuschen befühlen und einen hier aufgestellten Mauerrest. Können sich die vielen jungen Menschen, die sich an diesem historischen Ort Arm in Arm mit einem Schauspieler in GI-Uniform fotografieren lassen, überhaupt noch vorstellen, was diese Mauer bedeutete. Die meisten waren noch gar nicht geboren, als sie fiel. Selbst ich tue mich schwer nachzuvollziehen, wie Menschen den Befehl geben konnten, auf Mitmenschen zu schießen, die nichts anderes wollten, als von einem Teil ihrer Heimatstadt in einen anderen zu gehen. Wie konnten Menschen, die der gleichen Nation angehörten, die gleiche Sprache und gleiche Geschichte miteinander teilten, einander so etwas antun?
Waren es solche Gedanken, die mich in der Nacht keinen Schlaf finden ließen?
Heute morgen freute ich mich dann aber schon wieder auf neue Erlebnisse. Nach einem ausgiebigen Frühstück spazierten wir zum Brandenburger Tor und warteten auf den Führer, der uns in den Reichstag begleiten sollte. Wir warteten vergeblich, denn bei der Reservierung hatte es ein Missverständnis gegeben. So gingen wir denn alleine durch dieses geschichtsträchtige Tor und wandten uns in Richtung Reichstag.
„Da steht eine Fahrradrickscha“, sagte Matthias.
„Mensch“, sagte ich spontan, „das wäre doch mal was.“
Und so ergab sich aus der geplatzten Führung die wunderbare Gelegenheit, die Mitte Berlins aus einer ganz anderen Perspektive kennen zu lernen. Tristan hieß unser Chauffeur, ein junger Franzose, der gerade das BWL-Studium abgeschlossen hatte und sich mit der schweisstreibenden Arbeit als Bike-Taxi-Fahrer – so die neudeutsch korrekte Bezeichnung – ein paar Euro verdient. Vorbei am Reichtsag und Kanzleramt, amerikanischer, französischer und russischer Botschaft fuhren wir über den Boulevard „Unter den Linden“ bis zur Museumsinsel und dann wieder zurück zum Gendarmenmarkt.
Hier entliessen wir Tristan und genossen in einem Straßencafé frische Berliner Luft, nur gestört durch einige ums Überleben kämpfende Wespen.
Am Abend steht mit dem Besuch des Kabaretts „Die Distel“ ein weiterer Höhepunkt dieser Kurzreise an. Doch darüber dann später mehr.
