Artikel mit Tag zugfahrt
Aufklärung
Freitag, 6. April 2012
Über dieses kleine Blog hier wurde kürzlich ein Journalismus-Student auf mich aufmerksam und kontaktierte mich. Er möchte im Rahmen einer Seminararbeit ein Porträt über mich verfassen und es möglichst auch an das eine oder andere Medium verkaufen und fragte, ob ich Interesse hätte, mich mit ihm zu unterhalten. Selbstverständlich hatte ich. Nichts ist wichtiger, als Sehende über Blinde und ihre Lebenswelt und -wirklichkeit aufzuklären. Also traf ich mich mit dem jungen Mann zu einem ausführlichen Gespräch. Er hatte zuvor noch nie mit blinden Menschen Kontakt gehabt und saugte alle Informationen geradezu auf. So ist es immer. Kommt ein Sehender zum ersten Mal in unsere Welt, ist die Faszination mit Händen greifbar, oft auch die Verwunderung. Alle Hilfsmittel werden begutachtet, Braille-Schriftseiten mit Ehrfurcht befühlt. Die meisten Fragen betreffen die Organisation des Alltagtäglichen: Waschen, Einkaufen, putzen. Dann die Kultur: lesen und schreiben. Ich ermuntere stets zu fragen, denn die Hemmschwelle, die ein Sehender überwinden muss, ist groß. Von alleine trauen sich nur wenige, auf uns zuzukommen. Das ist traurig, aber leider wahr.
Nach ein paar Stunden intensiver Unterhaltung hatte der junge Mann viel erfahren, aber sein Wissensdurst war noch lange nicht gestillt. Und so begleitete er mich und eine Freundin auf der Fahrt nach Timmendorf, erlebte, wie Blinde mithilfe der Bahnhofsmission mit dem Zug verreisen können und führte mich am Arm durch das Gewimmel des Bahnhofs. Anfangs noch vorsichtig und unsicher ob der ungewohnten körperlichen Nähe zu einem fremden Menschen, nach einiger Zeit aber sicherer und freier. Er lernte das Aura-Hotel kennen, wurde von Mitarbeitern durch die Räume geführt und staunte über die Spiele wie »Mensch ärgere dich nicht«, die für uns ertastbar gemacht worden waren. Er spürte, was er sich vorher sicher nicht vorstellen konnte: Ein »Blindenhotel« ist genauso gastlich wie eine Herberge für Sehende. Mir gefiel es, dass er am Ende meinte: »Hier würde ich gerne eine Woche bleiben.« Der Satz zeigte mir, dass die »Aufklärungsarbeit« auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Ich bin gespannt auf den Text, den er schreiben wird. Ich glaube, er wird gut und interessant.
Göttinger Dialog
Montag, 31. Mai 2010
Wieder zu Hause, bin ich meinen treuen Leserinnen und Lesern noch die Schilderung der letzten Urlaubstage in Thüringen schuldig - samt eines skurrilen Erlebnisses bei der Rückfahrt, das so auch nur einem Blinden passieren kann. Aber der Reihe nach:
Am vorletzten Tag der Thüringen-Reise mit Anders-Sehn blieben wir in Gotha. Natürlich wurden wir zwei Stunden durch die Stadt geführt und hörten wieder so viel, dass ich das meisten davon kaum behalten werde. Spannend war der Besuch des Naturkundemuseums, denn hier gab es viel zu befühlen. Knochen von Ursauriern oder Elefanten sowie die komplette Nachbildung einer paläontologischen Ausgrabungsstätte. Abends folgte ein besonderer Kulturgenuss. Wir waren Gäste eines Konzertes im Café des Augustinerklosters. Ein Flötist und eine Harfenistin spielten Werke des 16. bis 20 Jahrhunderts. In der Pause durfte ich die Harfe ausgiebig befühlen - eine Premiere für mich.
Der Besuch in Weimar war trotz teilweise strömenden Regens entspannt, weil nicht mit Programm angefüllt. Mit Frau Hahn, Chefin und Besitzern von Anders-Sehn spazierte ich durch die Stadt, vorbei am Denkmal von Goethe und Schiller und dem Nationaltheater, in dessen Foyer wir vor einem Starkregenguss Schutz fanden. Die einstündige Kutschfahrt mit einem äußerst gesprächigen Kutscher gefiel mir besonders gut - ich liebe diese Art der Fortbewegung.
Nach einer original Thüringer Bratwurst zu Mittag folgte die unvermeidliche und auch diesmal an Informationen reiche Führung durch Pfarrgarten und Herderkirche mit dem berühmten Cranachaltar.
Und schon war diese erlebnisreiche Woche in einer wunderbaren deutschen Kulturlandschaft zu Ende. Die Rückreise verlief genauso problemlos wie die ganzen Tage - brachte allerdings ein lustiges Erlebnis.
Ich ließ mich beim Umsteigen in Göttingen von der Bahnhofsmission betreuen, wie immer, wenn ich alleine mit dem Zug unterwegs bin. Das klappt fast immer problemlos - so auch diesmal. Die Dame schlug vor, wir sollten statt der Treppen die Rampe für Behinderte nutzen. Gesagt - getan. Unterwegs sagte ich: »Das geht ja richtig in Serpentinen rauf!«
»Nein«, antwortete die Dame, »das ist Beton.«
Ich schmunzelte noch, als wir auf dem Bahnsteig ankamen. Dann hörten wir, dass die Abfahrt meines Zuges ausnahmsweise von Gleis 4 erfolge. Ich stöhnte auf:
»Bahnsteig 4, das ist ja JWD.«
»Nein«, sagte meine Begleiterin entrüstet, »wir sind hier in Göttingen.«
Es war gar nicht so leicht, nicht laut loszulachen.
Am vorletzten Tag der Thüringen-Reise mit Anders-Sehn blieben wir in Gotha. Natürlich wurden wir zwei Stunden durch die Stadt geführt und hörten wieder so viel, dass ich das meisten davon kaum behalten werde. Spannend war der Besuch des Naturkundemuseums, denn hier gab es viel zu befühlen. Knochen von Ursauriern oder Elefanten sowie die komplette Nachbildung einer paläontologischen Ausgrabungsstätte. Abends folgte ein besonderer Kulturgenuss. Wir waren Gäste eines Konzertes im Café des Augustinerklosters. Ein Flötist und eine Harfenistin spielten Werke des 16. bis 20 Jahrhunderts. In der Pause durfte ich die Harfe ausgiebig befühlen - eine Premiere für mich.
Der Besuch in Weimar war trotz teilweise strömenden Regens entspannt, weil nicht mit Programm angefüllt. Mit Frau Hahn, Chefin und Besitzern von Anders-Sehn spazierte ich durch die Stadt, vorbei am Denkmal von Goethe und Schiller und dem Nationaltheater, in dessen Foyer wir vor einem Starkregenguss Schutz fanden. Die einstündige Kutschfahrt mit einem äußerst gesprächigen Kutscher gefiel mir besonders gut - ich liebe diese Art der Fortbewegung.
Nach einer original Thüringer Bratwurst zu Mittag folgte die unvermeidliche und auch diesmal an Informationen reiche Führung durch Pfarrgarten und Herderkirche mit dem berühmten Cranachaltar.
Und schon war diese erlebnisreiche Woche in einer wunderbaren deutschen Kulturlandschaft zu Ende. Die Rückreise verlief genauso problemlos wie die ganzen Tage - brachte allerdings ein lustiges Erlebnis.
Ich ließ mich beim Umsteigen in Göttingen von der Bahnhofsmission betreuen, wie immer, wenn ich alleine mit dem Zug unterwegs bin. Das klappt fast immer problemlos - so auch diesmal. Die Dame schlug vor, wir sollten statt der Treppen die Rampe für Behinderte nutzen. Gesagt - getan. Unterwegs sagte ich: »Das geht ja richtig in Serpentinen rauf!«
»Nein«, antwortete die Dame, »das ist Beton.«
Ich schmunzelte noch, als wir auf dem Bahnsteig ankamen. Dann hörten wir, dass die Abfahrt meines Zuges ausnahmsweise von Gleis 4 erfolge. Ich stöhnte auf:
»Bahnsteig 4, das ist ja JWD.«
»Nein«, sagte meine Begleiterin entrüstet, »wir sind hier in Göttingen.«
Es war gar nicht so leicht, nicht laut loszulachen.
Blinde Arroganz
Dienstag, 20. Oktober 2009
Neulich war ich mal wieder mit dem Zug unterwegs. Ich war in Begleitung einer sehenden Freundin, sonst wäre mir das Folgende entgangen. Uns schräg gegenüber saß eine blinde Frau. Sie hatte einen Führhund bei sich, der mitten im Gang lag. Der Zug war überfüllt. Ständig liefen Fahrgäste vorbei auf der Suche nach einem freien Platz. Mit ihrem zum Teil schweren Gepäck mussten sie jedes Mal über den Hund steigen. Meine Freundin sprach die Dame an:
„Nehmen Sie doch bitte den Hund ein bisschen zur Seite. Vielleicht kann er ja vor ihren Füßen liegen, dann haben alle mehr Platz.“
„Kommt überhaupt nicht infrage“, war die barsche Antwort.
Meine Freundin schwieg, denn sie wollte keine laute Auseinandersetzung führen. Die genervten Mitreisenden luden ihren Ärger trotzdem per Blickkontakt auf sie ab, nach dem Motto: „Warum lässt du Sehende zu, dass die blinde Frau ihren Hund mitten im Weg liegen lässt.“
Die Antwort ist ganz einfach: Blinde sind nicht per se bessere Menschen. Es gibt auch unter ihnen Arroganz und Ignoranz. Quod erat demonstrandum.
„Nehmen Sie doch bitte den Hund ein bisschen zur Seite. Vielleicht kann er ja vor ihren Füßen liegen, dann haben alle mehr Platz.“
„Kommt überhaupt nicht infrage“, war die barsche Antwort.
Meine Freundin schwieg, denn sie wollte keine laute Auseinandersetzung führen. Die genervten Mitreisenden luden ihren Ärger trotzdem per Blickkontakt auf sie ab, nach dem Motto: „Warum lässt du Sehende zu, dass die blinde Frau ihren Hund mitten im Weg liegen lässt.“
Die Antwort ist ganz einfach: Blinde sind nicht per se bessere Menschen. Es gibt auch unter ihnen Arroganz und Ignoranz. Quod erat demonstrandum.
Geschrieben von Die Blindgängerin
um
17:23
| Kommentar (1)
| Trackbacks (0)
Tags für diesen Artikel: blindenhund, zugfahrt
(Seite 1 von 1, insgesamt 3 Einträge)
